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Hanwag Kaduro: Wie ein Wanderschuh aus Vierkirchen die Low-Cut-Klasse neu sortiert

Autor Tom Jutzler
Tom Jutzler | 30.04.2026
hanwag kaduro gtx test bericht wyldmagazin

Mit dem Hanwag Kaduro bringt der bayerische Hersteller eine ganze Schuhfamilie auf den Trail – ein Light-Modell aus Textil, dazu Low- und Mid-Cuts aus Perwanger Veloursleder. Was steckt hinter der neuen Bead-Technologie, und für wen lohnt sich der Schritt zum 240-Euro-Halbschuh?


In der Werkhalle in Vierkirchen, einer 7.000-Seelen-Gemeinde nördlich von München, stehen die Leisten in Reih und Glied: Holzklötze, jeder einzelne ein dreidimensionales Modell eines menschlichen Fußes. Um sie herum entsteht in vielen Arbeitsschritten ein Wanderschuh. Hanwag entwickelt und fertigt hier seit 1921, gegründet von Hans Wagner, dessen Namenskürzel die Marke trägt. Im Frühjahr 2025 stellte das Unternehmen einen Schuh vor, der die eingespielte Kollektion zwischen Banks, Tatra und Rotpunkt aufmischen sollte: den Kaduro Light GTX. Inzwischen ist daraus eine Familie geworden – und ein Produktversprechen, das die Outdoor-Branche seit Monaten beschäftigt.

Worum geht es bei der Kaduro-Linie?

Der Kaduro ist Hanwags Antwort auf eine ungelöste Frage im Wanderschuhregal: Warum muss man sich zwischen einem leichten Trailrunner und einem stabilen Wanderstiefel entscheiden? Trailrunning-Schuhe wiegen wenig und federn dynamisch – sind aber meist nach einigen hundert Kilometern abgenutzt. Klassische Wanderschuhe halten länger, gehen sich aber steifer und wuchtiger. Der Kaduro besetzt die Lücke dazwischen.

Über zwei Jahre hat die Entwicklung gedauert. Das Ergebnis sind drei Modellvarianten, die sich durch Schafthöhe und Obermaterial unterscheiden, technologisch aber denselben Kern haben.

Drei Modellvarianten – ein technisches Konzept

Kaduro Light GTX – der Textilschuh als Auftakt

Im Mai 2025 startete der Kaduro Light GTX als Low-Cut aus einem reiß- und abriebfesten Polyester-Polyurethan-Gewebe. Das Obermaterial stammt aus Prato bei Florenz, wo der Hersteller Texon das Gewebe auf Basis seines Croda-Materials weiterentwickelt hat. Die Polyesterfasern sind mit Polyurethan ummantelt – eine Konstruktion, wie man sie sonst von Militär- und Arbeitsschuhen kennt.

Mit 780 Gramm pro Paar in Größe 42 (Herren) und 625 Gramm in Größe 38 (Damen, beide Werte wurden bei Globetrotter nachgewogen) zählt der Schuh zu den Leichtgewichten seiner Klasse. Die Damenausgabe heißt Kaduro Light Lady GTX und läuft in Größe 36 bis 43, die Herrenversion geht von 40 bis 48,5. Preis: rund 240 Euro.

Kaduro Low GTX – die Lederversion zum Saisonstart 2026

Zur Saison Frühjahr/Sommer 2026 hat Hanwag den Kaduro Low GTX nachgelegt: ein Low-Cut aus Perwanger Veloursleder. Das Material kommt aus Südtirol, wo die Gerberei Perwanger seit über 200 Jahren technisches Leder für Berg- und Outdoorschuhe entwickelt. Das Leder wirkt wie eine natürliche Klimamembran: Es reguliert das Klima im Schuhinneren, lässt Wasserdampf entweichen und schützt zugleich vor eindringender Nässe. Hanwag verarbeitet das Leder, intern „Perwanger Nepal“ genannt, in Stärken von 1,6 bis 2,8 Millimetern. Den Low GTX gibt es in drei Farbvarianten, jeweils in Damen- und Herrengrößen. Das Gewicht liegt bei rund 780 Gramm pro Paar in Größe 42 und 700 Gramm in Größe 38 – also auf dem Niveau des Textilmodells Light.

Kaduro Mid GTX – der mittelhohe Schaft für anspruchsvolleres Terrain

Wer auf Geröllhalden, mit schwererem Rucksack oder im wechselhaften Frühherbstwetter unterwegs ist, greift zur Mid-Variante. Der mittelhohe Schaft schützt das Sprunggelenk, gibt zusätzliche Führung beim Abrollen und hält Schmutz, kleine Steine und Spritzwasser draußen. Auch der Kaduro Mid GTX setzt auf Perwanger Veloursleder, kommt in zwei Farbvarianten und ist sowohl für Damen als auch für Herren erhältlich. Mit rund 880 Gramm pro Paar in Größe 42 und 810 Gramm in Größe 38 liegt er etwa hundert Gramm über dem Low.

Damit ergibt sich ein abgestuftes System: Der Light für schnelle, leichte Tage. Der Low für Touren, bei denen Lederrobustheit gefragt ist. Der Mid für anspruchsvolleres Gelände, längere Etappen, mehr Gepäck. Alle drei Modelle teilen sich Sohle, Membran und Dämpfungstechnologie.

Bead-Technologie: Was hinter der neuen Zwischensohle steckt

Der eigentliche Bruch zur etablierten Wanderschuh-Bauweise liegt nicht im Schaft, sondern in der Sohle. Die meisten leichten Wanderschuhe vertrauen auf EVA-Schaum (Ethylen-Vinyl-Acetat). Das Material ist günstig, leicht und dämpft anfangs gut – verliert aber nach einigen hundert Kilometern an Volumen und Rückstellkraft.

Hanwag setzt stattdessen auf eine Materialkombination, die das Unternehmen gemeinsam mit BASF entwickelt hat: erbsengroße Perlen aus expandiertem thermoplastischem Polyurethan, kurz eTPU. Tausende dieser „Beads“ werden in eine Polyurethanschicht eingebettet. Das Resultat ist eine Hybrid-Zwischensohle, die nach Angaben des Herstellers die Stabilität von PU mit der Energierückgabe von eTPU verbindet. Ein unabhängiges Prüfinstitut hat die Langlebigkeit der Materialkombination bestätigt – die Dämpfung soll auch nach mehreren hundert Kilometern erhalten bleiben.

Was bedeutet das in der Praxis? Beim Auftreten speichert das eTPU einen Teil der Energie und gibt sie beim Abrollen wieder frei. Wer schon einmal auf einer entsprechend gedämpften Laufschuhsohle unterwegs war, kennt das Gefühl: ein leichter Bounce, der jeden Schritt etwas dynamischer macht. Auf langen Abstiegen entlastet die Konstruktion Knie und Sprunggelenke spürbar.

Die Außensohle ist eigens für die Kaduro-Familie entwickelt worden. Das Profil ist auf Grip auf wechselnden Untergründen ausgelegt, das Mischmaterial soll sich langsamer abnutzen als bei vergleichbaren Modellen.

GORE-TEX Invisible Fit und der PFAS-Verzicht

Zwischen Obermaterial und Innenfutter sitzt eine GORE-TEX-Membran in der „Invisible Fit“-Variante. Sie ist direkt mit dem Obermaterial verklebt, was den typischen Faltenwurf reduziert. Das mindert Druckstellen und Blasenbildung. Funktional bleibt der Schuh wasserdicht und atmungsaktiv.

Hanwag verwendet die neue PFAS-freie ePE-Membran, die das Unternehmen nach eigenen Angaben für die gesamte Bead-Familie einsetzt. Der Verzicht auf per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen folgt einem branchenweiten Trend, vorangetrieben durch verschärfte EU-Regulierung und das wachsende Bewusstsein für die ökologischen Folgen dieser Stoffgruppe.

Made in Europe – nicht als Slogan, sondern als Lieferkette

Hanwag fertigt seine Schuhe in Vierkirchen und in einem eigenen Werk in Ungarn. Die meisten Modelle der Kaduro-Reihe entstehen in Donje Ladanje im Norden Kroatiens, etwa anderthalb Autostunden nördlich von Zagreb. Dort fertigt der Partnerbetrieb Consors seit 1999 für Hanwag. In der hauseigenen Stepperei werden Schäfte für fast alle Hanwag-Modelle genäht; auch der Großteil der Reparaturen läuft über diesen Standort.

Die Lieferkette ist überschaubar: Das Leder kommt aus Südtirol, das Textilgewebe aus der Toskana, die Schnürsenkel von Sauter aus Süddeutschland mit Zugfestigkeiten von bis zu 1.000 Newton. Diese geographische Nähe verkürzt Transportwege und erleichtert die Kontrolle der Produktionsstandards.

Ein Detail ist für Kaufentscheidungen relevant: Der Kaduro lässt sich neu besohlen. Hanwag besohlt nach eigenen Angaben rund 20.000 Paar Schuhe pro Jahr neu – die Sohlenkonstruktion stammt vom italienischen Partner Frasson SpA, wird in Italien gefertigt und im kroatischen Werk mit dem Schaft verklebt. In der Hanwag-Produktion in Vierkirchen steht ein Bergstiefel aus den 70er-Jahren, der zwölfmal eine neue Sohle bekommen hat. Er dient inzwischen als Ausstellungsstück, könnte aber theoretisch weiter getragen werden.

Was die Tester sagen

Die Fachpresse hat den Kaduro Light GTX überwiegend positiv aufgenommen. Das Wandermagazin schickte ihn durch Flusstäler, Weinberge und feuchte Klammen und lobte den Grip auf nassem Gestein sowie die Passform, die sich mit zunehmender Tragezeit besser anschmiegt. Auch ein Hitzestau blieb selbst nach mehrstündigen Sommerwanderungen aus. Der Globetrotter-Blog hob das Verhältnis von geringem Gewicht und Robustheit hervor und stufte den Schuh als Allrounder von März bis Oktober ein.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung näherte sich dem Schuh aus einer anderen Perspektive: Sie diskutierte die „Knöchelfrage“ – also die alte Debatte, ob Wandernde wirklich einen knöchelhohen Schaft brauchen. Tatsächlich greifen immer mehr Tourengeher zu Halbschuhen, sofern das Gelände es zulässt. Die Daten vom Pacific Crest Trail in Kalifornien sind ein Indikator: Wer den 4.265 Kilometer langen Fernwanderweg läuft, verbraucht im Schnitt 4,8 Paar Schuhe – meist Trailrunner, die nach wenigen Wochen abgenutzt sind. Die Kaduro-Linie spricht genau dieses Klientel an: Wandernde, die leicht unterwegs sein wollen, aber nicht alle drei Monate ein neues Paar Schuhe brauchen.

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Für wen lohnt sich der Kauf?

Der Kaduro Light GTX richtet sich an Tageswanderer und Weitwandernde mit leichtem Gepäck, die einen Schuh suchen, der sich wie ein Sneaker trägt, aber auf längeren Strecken hält. Wer regelmäßig im wechselnden Terrain unterwegs ist – Forstwege, Pfade, mal Asphalt, mal Geröll – findet im Light einen Begleiter von März bis Oktober.

Der Kaduro Low GTX aus Veloursleder ist die robustere Variante für alle, die auf den traditionellen Charakter und die Witterungsbeständigkeit von Leder Wert legen. Hier zählt nicht jedes Gramm, dafür hält das Material länger und steckt Kratzer durch Pflege weg.

Der Kaduro Mid GTX kommt ins Spiel, wenn der Rucksack schwerer wird, das Gelände unwegsamer oder die Tour länger dauert. Der mittelhohe Schaft gibt Stabilität, ohne den Schuh in die Trekkingstiefel-Klasse zu schieben. Wer Hütten- oder Wochentouren plant, ist hier gut aufgehoben.

Bei einem Preis von rund 240 Euro für die Light-Variante und vergleichbaren Größenordnungen für Low und Mid bewegt sich der Kaduro im oberen Drittel des Wanderschuh-Marktes. Das Preis-Leistungs-Verhältnis bewerten Tester wegen der Langlebigkeit, der Reparierbarkeit und der europäischen Fertigung dennoch als angemessen.

Was bleibt

Der Hanwag Kaduro ist kein revolutionärer Schuh, aber ein konsequenter. Er bündelt mehrere Branchentrends: leichter werden, ohne an Stabilität zu verlieren. Nachhaltiger produzieren, ohne Funktion einzubüßen. Reparierbar bleiben, statt im Müll zu landen. Dass Hanwag dafür eine eigene Sohlentechnologie entwickelt und sie konsequent über drei Modellfamilien hinweg einsetzt, ist branchenintern bemerkenswert. In einem Markt, in dem Marken oft auf zugekaufte Standardlösungen setzen, hat der bayerische Hersteller den schwierigeren Weg gewählt.

Ob sich die Bead-Technologie auf Dauer bewährt, werden die nächsten Saisons zeigen. Die ersten Praxistests deuten in eine Richtung, die für Wanderer eine gute Nachricht ist: Vielleicht muss man sich künftig nicht mehr alle anderthalb Jahre nach einem neuen Paar leichter Wanderschuhe umsehen.


Auf einen Blick: Die Kaduro-Modelle im Vergleich

Kaduro Light GTX – Low-Cut aus Polyester-Polyurethan-Gewebe, ca. 780 g (Herren, Größe 42) bzw. 625 g (Damen, Größe 38), ca. 240 Euro, erhältlich seit Mai 2025.

Kaduro Low GTX – Low-Cut aus Perwanger Veloursleder, ca. 780 g (Größe 42) bzw. 700 g (Größe 38), drei Farbvarianten, Damen und Herren, neu zur Saison Frühjahr/Sommer 2026.

Kaduro Mid GTX – Mid-Cut aus Perwanger Veloursleder, ca. 880 g (Größe 42) bzw. 810 g (Größe 38), zwei Farbvarianten, Damen und Herren, neu zur Saison Frühjahr/Sommer 2026.

Gemeinsame Merkmale: Hanwag Bead-Technologie (eTPU + PU), GORE-TEX Invisible Fit mit PFAS-freier ePE-Membran, neu besohlbar, 100 Prozent Made in Europe.


FAQ zum Hanwag Kaduro 2026

Was ist der Hanwag Kaduro?

Eine 2025 eingeführte Wanderschuh-Familie des bayerischen Herstellers Hanwag mit drei Modellvarianten (Light, Low, Mid GTX) und der hauseigenen Bead-Sohlentechnologie.

Welche Modellvarianten gibt es?

Drei: Kaduro Light GTX (Textil-Low-Cut, seit Mai 2025), Kaduro Low GTX (Leder-Low-Cut, ab Frühjahr/Sommer 2026) und Kaduro Mid GTX (Leder-Mid-Cut, ab Frühjahr/Sommer 2026).

Was kostet der Hanwag Kaduro?

Der Kaduro Light GTX liegt bei rund 240 Euro. Low- und Mid-Variante bewegen sich in vergleichbarer Größenordnung.

Wie schwer ist der Hanwag Kaduro?

Light GTX: ca. 780 g (Herren, Gr. 42) bzw. 625 g (Damen, Gr. 38). Low GTX: ca. 780 g / 700 g. Mid GTX: ca. 880 g / 810 g.

Was ist die Hanwag Bead-Technologie?

Eine Zwischensohle aus eTPU-Perlen in einer Polyurethan-Schicht, gemeinsam mit BASF entwickelt. Sie ersetzt EVA-Schaum, hält länger und gibt beim Abrollen Energie zurück.

Wo wird der Hanwag Kaduro hergestellt?

100 Prozent in Europa: Schuhfertigung in Donje Ladanje (Kroatien) bei Partnerfirma Consors, Sohle in Italien (Frasson SpA), Leder aus Südtirol (Perwanger), Textilgewebe aus Prato (Texon).

Ist der Hanwag Kaduro neu besohlbar?

Ja. Hanwag besohlt nach eigenen Angaben rund 20.000 Paar Schuhe pro Jahr neu. Die Reparatur läuft über das Werk in Donje Ladanje, Kroatien.


Fotos: Tom Jutzler, HANWAG