Santorins kleine Schwester – zu Gast im Santa Irini Retreat auf Therasia
Die Welt steht Kopf und über den Alltag wollen wir gar nicht reden. Wir hätten einen Tipp für Ruhesuchende: Therasia liegt am Westrand der Santorin-Caldera, genau gegenüber von Oia, und hat keine 250 Einwohner mehr. Wer mit der kleinen Fähre übersetzt, kann an einem Tag mit dem Rad bis ans Südende fahren, vorbei an einem Höhlendorf, das seit den Sechzigerjahren leer steht. Übernachten lässt sich bei Riva, neben einer Kirche, nach der Santorin benannt sein soll.

Die Überfahrt
Das Boot legt in Ammoudi ab, einer kleinen Bucht unterhalb von Oia, und macht zehn Minuten später in Riva fest. Beide Inseln liegen am selben Krater und gehören zur selben Gemeinde. Im Tourismus trennt sie fast alles.
Auf Santorin leben etwa 15.500 Menschen. Nach Zahlen von National Geographic Traveller kommen jedes Jahr rund 3,4 Millionen Besucher, rechnerisch mehr als 200 auf jeden Einwohner. Allein mit Kreuzfahrtschiffen kamen 2024 gut 1,3 Millionen Menschen, an einem einzigen Tag im Juli waren es rund 11.000. Die Zahl der Hotelbetten gibt Bürgermeister Nikos Zorzos mit 17.000 bis 18.000 an. Das sind mehr Betten, als Santorin Einwohner hat.
Therasia hatte bei der Volkszählung 2021 genau 249 Einwohner. In den Tourismusstatistiken läuft die Insel unter Santorin mit. Die meisten Gäste kommen mit den Ausflugsbooten der Caldera-Rundfahrten, halten ein, zwei Stunden in Korfos und fahren weiter. Zum Übernachten gibt es nur wenige kleine Häuser. Im August 2026 schrieb National Geographic Traveller, kaum jemand könne den Namen der Insel nennen, und noch weniger Menschen besuchten sie.
Die Insel ist ein Überbleibsel. Vor rund 3.600 Jahren brach bei der Minoischen Eruption der Vulkan im Zentrum des Archipels in sich zusammen, und das Meer strömte in den Krater. Von der runden Insel, die man heute oft Strongyli nennt, blieben Randstücke. Das größte ist Santorin. Therasia, im Westen, ist das zweitgrößte.
Therasia misst 5,7 Kilometer in der Länge und an der breitesten Stelle 2,7. Ihr höchster Punkt, der Viglos, kommt auf 295 Meter. Aufgebaut ist sie wie Santorin: unten schwarze Lava, darüber eine rund 60 Meter dicke Schicht aus hellem Bims. Zur Caldera hin, im Osten, fallen die Felsen steil ins Meer. Nach Westen läuft die Insel flach aus.

Ein Gästehaus neben der Kirche Agia Irini
Oberhalb von Riva liegt das Santa Irini Retreat. Eröffnet hat es 2024 das Paar Paris Savvidis und Dimitris Kriezis. Beide hatten vorher in Athen in Konzernen gearbeitet. Das Grundstück samt der kleinen Kirche stammt von Dimitris‘ Großtante. Eine der Suiten trägt den Namen Margarita, nach der Frau, die Land und Kirche an die nächste Generation weitergab.
Vier Suiten hat das Haus. Nur eine davon liegt in einem alten Inselhaus, rund 167 Jahre alt und restauriert. Die anderen sind neu, gebaut nach kykladischer Art aus Stein und mit Kalk geweißt. Wer das ganze Anwesen mietet, bekommt zwei Zimmer im Untergeschoss dazu und kann mit bis zu 18 Personen anreisen. Hinter den Betten hängen alte, handgewebte Stoffe. Die Zimmerschlüssel sind aus Eisen und haben die Form einer Sanduhr.
Der Grundriss folgt dem griechischen Buchstaben Π. Diese Form schützt den Hof vor dem Meltemi, dem trockenen Sommerwind aus Nordosten, und irgendwo ist dort zu jeder Tageszeit Schatten. Vom Pool aus sieht man im Norden Ios und Sikinos liegen, im Westen Folegandros.
Im Hof steht die Kirche Agia Irini, fertiggestellt 1867. Nach Angaben des Hauses ist sie die älteste der 23 Kirchen auf Therasia. Auf der Insel erzählt man sich, heimkehrende Seeleute hätten den weißen Bau am Eingang der Caldera gesehen und „Santa Irini!“ gerufen. Daraus sei der Name Santorin geworden.
Die gängige Erklärung ist eine andere. Sie führt den Namen auf eine frühchristliche Basilika der heiligen Irene beim heutigen Perissa zurück, im Südosten von Santorin. Aus Santa Irini wurde im Mittelalter Santorin. Ganz vom Tisch ist die Version von Therasia damit nicht: Das Haus verweist auf einen Vorgängerbau, der schon zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert an derselben Stelle gestanden haben soll. Die heutige Kirche ist allerdings jünger als der Inselname.
Am 5. Mai, dem Gedenktag der heiligen Irene, richten Paris und Dimitris im Hof das Panigiri aus, das Patronatsfest der Kirche. Schon am Vorabend hängen große Kupferkessel über offenem Feuer. Gegessen wird tags darauf, Inselbewohner und Gäste an denselben Tischen.



Am langen Tisch
Gekocht wird im Holzofen, nach Rezepten, die Paris und Dimitris aus ihrer Kindheit kennen. Einen Teil des Gemüses ziehen sie im eigenen Garten. Unter der Pergola steht ein langer Tisch mit Blick auf die Caldera und die Kirche. Dort wird gegessen, und dort finden auch die Kochkurse statt. Tagsüber schicken die beiden ihre Gäste los. Zu Fuß oder mit dem Rad.


Mit George auf dem E-Bike über Therasia
Die Radtour beginnt unten am Hafen von Riva. Veranstalter ist Explore Thirasia, gegründet von Yannis Daskalakis, der selbst viel Rad fährt. Geführt wird die Gruppe an diesem Tag von George. Früher hat er als Mathematiker in einer Bank gearbeitet, dann hat er aufgehört.
Fürs Rad eignet sich die Insel gut. Es gibt eine einzige Straße, Autos sieht man selten. Benzin bekam man lange nur nach Absprache, seit 2025 gibt es eine automatische Zapfsäule. Von Riva geht es durch die Weinfelder hinauf und hinter Potamos nach Westen. Bis zum Südende der Insel sind es ungefähr sechs Kilometer, doch die Gruppe nimmt Umwege. George hält oft an und erzählt von der Geschichte Therasias und vom Weinbau.


Agrilia: ein Dorf im Stein
Agrilia liegt im Westen in einem Taleinschnitt, einem Langadi, wie man auf Griechisch sagt. Bis 1928 war es die größte Siedlung auf Therasia, es gilt auch als die älteste. Die Wohnungen sind Höhlen, in den weichen Vulkanstein gegraben und nach vorn zugemauert. Zwischen ihnen stehen alte Feigenkakteen, auf den Treppen wächst Gras. Erhalten sind auch einige Kanaves, die alten Weinkeller, in denen früher gekeltert wurde.
Bis zu 700 Menschen haben hier gelebt. Sie bewirtschafteten die Terrassen unterhalb des Dorfes und bauten Tomaten an, Fava, Gerste und Wein. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Fabriken zu, an die sie ihre Tomaten für Tomatenmark geliefert hatten. Von da an lohnte sich die Feldarbeit kaum noch.
Dann kam der 9. Juli 1956. Kurz nach fünf Uhr morgens bebte südlich von Amorgos die Erde, mit einer Magnitude von 7,7. Es war das stärkste Beben in Griechenland im 20. Jahrhundert, ein Tsunami folgte. Auf Santorin lagen danach große Teile von Oia und Fira in Trümmern, insgesamt kamen 53 Menschen ums Leben. In den Sechzigerjahren verließen die meisten Familien Agrilia, einige wenige blieben bis Ende der Siebziger. Die Volkszählung 2021 kam für den Ort auf fünf Bewohner.
Am Ortseingang steht die Kirche Panagia tou Lagadiou, 1887 erbaut und Mariä Tempelgang geweiht. Ihre Fassade ist pfirsichfarben und gelb gestrichen. Zu den weißen Kirchen mit blauer Kuppel, die man von den Kykladen kennt, passt das nicht. Auf der Insel heißt sie deshalb nur „die mexikanische Kirche“.
Nicht weit davon liegen stillgelegte Gruben. Im 19. Jahrhundert wurde auf Therasia Bims abgebaut und verschifft. Die sogenannte Santorin-Erde eignet sich für wasserfesten Mörtel und ging unter anderem an die Baustellen des Suezkanals, der zwischen 1859 und 1869 entstand. Die Insel, die heute so abgelegen wirkt, hat damals für eines der großen Bauprojekte ihrer Zeit geliefert.
Manolas: 280 Stufen bis zum Hauptort
Manolas liegt ganz oben auf der Ostkante. Dass der Ort nicht unten am Wasser gebaut wurde, hat mit den Korsaren zu tun, die im 16. Jahrhundert die Kykladen heimsuchten; der osmanische Admiral Barbarossa nahm 1537 auch Santorin ein. Vom kleinen Hafen Korfos führen 280 steile Stufen hinauf. Mit dem E-Mountainbike schaltet man in die höchste Unterstützungsstufe und kommt ohne große Mühe oben an.
Von der Kante schaut man steil hinunter auf die Bucht von Korfos. Gegenüber reihen sich die weißen Orte von Santorin am Rand der Caldera, in ihrer Mitte liegen die dunklen Lavainseln Nea und Palea Kameni. In den Gassen von Manolas gibt es Höhlenhäuser und die Kirche Agios Konstantinos von 1874. Im Restaurant Fyrgano kommen Salate mit Gemüse aus dem eigenen Garten auf den Tisch. Das Panorama, weiter unten in der Fußgängergasse, kocht aufwendiger, etwa Moussaka mit kleinen Kalmaren.
Mittags kehrt die Gruppe bei Yannis Daskalakis ein und isst in seinem Garten. An blühenden Kapernsträuchern ist man unterwegs vorbeigefahren; jetzt liegen eingelegte Kapern auf dem Teller, daneben Seegras. Danach kommen ein Omelett mit Zucchini und Minze und ein Erbsensalat mit Fenchel.
Santa Irini Retreat
Santa Irini Retreat

Wein aus Körben
Streckenweise sieht Therasia aus, als wüchsen hier nur Thymian und Dornbusch. Dann liegen Reben am Boden, zu flachen Ringen gewunden. Die Erziehungsform heißt Kouloura, das griechische Wort für Ring. Nach dem Rebschnitt flechten die Winzer die kräftigsten Triebe im Kreis zusammen, Jahr für Jahr, bis der Stock aussieht wie ein Korb. Die Trauben hängen innen. Außen fangen die Blätter die Sonne ab und den Meltemi, der an Sommernachmittagen bis zu 80 Kilometer pro Stunde erreichen kann. Bewässert wird kaum; ihr Wasser holen sich die Stöcke vor allem aus der Nachtfeuchte, die der poröse Boden speichert.
Die wichtigste Sorte ist der weiße Assyrtiko, der auch bei großer Hitze seine Säure behält. Bei Potamos hat das Weingut Mikra Thira einen auffällig modernen Bau hingestellt. Sein Terrasea wird aus Trauben von Therasia gekeltert. Der Jahrgang 2021 bekam bei einer Assyrtiko-Verkostung des Portals griechische-weine.info 94 Punkte. Die Führung durch Weinberg und Keller dauert etwa anderthalb Stunden und endet mit einer Verkostung.
Am Kap Trypiti
Hinter Manolas wird es einsam. Die Piste führt an Kera vorbei, wo niemand mehr wohnt, und endet nach rund drei Kilometern am Kap Trypiti, der Südspitze der Insel. Dort steht, bis an die Kante gebaut, das Kloster der Panagia Trypiti, weiß mit kobaltblauer Kuppel. Geweiht ist es der Koimisis tis Theotokou, der Entschlafung der Gottesmutter. Bei Explore Thirasia heißt der Platz „Balkon des Vulkans“.
Früher schliefen hier im August die Helfer der Weinlese, wenn die Arbeit getan war. Ihr großer Tag ist bis heute der 15. August. Dann feiert die orthodoxe Kirche die Entschlafung Marias, in Griechenland nach Ostern das wichtigste Kirchenfest; in Deutschland heißt der Tag Mariä Himmelfahrt. Einheimische und Gäste steigen herauf und feiern zusammen am Kloster. An den übrigen Tagen bleibt es dort oben ruhig.
Wenn die Ausflugsboote abgelegt haben
Die meisten Tagesgäste kommen mit einem Ausflugsboot nach Korfos und bleiben am Hafen. Sie essen in einer der Tavernen am Kai und fahren weiter zur nächsten Station ihrer Caldera-Rundfahrt. Was oben hinter der Treppe liegt, sehen sie nicht.
Wer bleibt, sieht auch den Abend. Im Retreat über Riva sitzen die Gäste dann am langen Tisch, es gibt Gemüse aus dem Garten und dazu einen Assyrtiko aus Therasia oder von Santorin. Vom Hof aus sieht man die Sonne im Meer versinken. Drüben in Oia stehen um diese Zeit die Menschen dicht gedrängt an den Mauern, um denselben Sonnenuntergang zu fotografieren. Ihre Lichter sind gut zu erkennen. Hören kann man sie nicht.








