Rostige Romanze: der Minett Trail

Durch den Süden der malerischen Landschaften Luxemburgs schlängelt sich ein besonderer Wanderweg, der die Herzen von Naturliebhabern und Geschichtsbegeisterten gleichermaßen erobert: der Minett Trail. Über 90 Kilometer erstreckt sich dieser Pfad durch eine Region, die einst das industrielle Herzstück des Landes bildete. Ein Wanderabenteuer durch Luxemburgs industrielle Vergangenheit und natürliche Schönheit.
Wie ein Leuchtfeuer weist uns der Wasserturm von Düdelingen den Weg. Schon von weitem sichtbar, ist er das unausgesprochene Wahrzeichen der Industriebrache Neischmelz. Im Kühlweiher zu seinen Füßen: der Floater. Eines der Kabaisercher – der Wanderunterkünfte also –, die eigens für den Minett Trail konzipiert wurden. Hier werden wir die Nacht verbringen.


Einem Hausboot gleich dümpelt das originelle Ferienhäuschen zwischen Seerosen und vorbeischwimmenden Enten. Ein bewohnbares Kunstobjekt aus Stahl und Holz, das darauf wartet, von uns entdeckt zu werden. Wir treten ein. Die Wände bestehen aus geschichteten Holzplatten, die die Abbaufront eines Tagebaus nachbilden. Riesige Fenster geben den Blick auf den Wasserturm frei. Modern, inspirierend und gemütlich. Leider können wir jetzt nicht bleiben. Der Tag liegt noch vor uns, und wir haben uns einiges vorgenommen.
Wir haben eine Verabredung: Nora Peters vom regionalen Tourismusbüro wartet im „Kantin“ auf uns. Das Lokal liegt nur einen Steinwurf vom Floater entfernt und ist – inklusive der Mikrobrauerei Twisted Cat – in einer denkmalgeschützten Industriehalle untergebracht. Nora sitzt in einem der plüschigen Sessel und strahlt uns über die vor ihr ausgebreitete Karte des Minett Trail an. Der Trail, den wir auf der Karte eingezeichnet sehen – mit Kilometerangaben, Sehenswürdigkeiten und Schwierigkeitsgraden – ist maßgeblich ihr Werk.


Land der Roten Erde
Über Monate hat sie verschiedene Wege getestet, mit Einheimischen über den Streckenverlauf gefachsimpelt, Insiderwissen zu landschaftlich besonders spannenden Wegen gesammelt und sich den Kopf über die besten Routen zerbrochen. Da unsere Zeit nicht für den kompletten 90-Kilometer-Trail reicht, wollen wir von Nora Tipps bekommen, welche Highlights wir an einem langen Wochenende unterbringen.
Und so fliegen unsere Finger über die Übersichtskarte, von Highlight zu Highlight, und wir betreiben munter Rosinenpickerei. Um ein Gefühl für die DNA der Region zu bekommen, entscheiden wir uns, mit einem Besuch des Bergbaumuseums in Rumelange zu starten. Der freundliche, tätowierte Manager des „Kantin“, mit Oberarmen wie Baumstämme, lädt uns zum Abschied noch für den Abend ein. Ein DJ wird auflegen. Es wird getanzt werden.
Es quietscht und rumpelt. Der kleine Zug, der uns auf einem langen Weg immer tiefer in den Berg hinein und unter die Erde bringt, wackelt gehörig bei seiner langsamen Fahrt in die Tiefe des Stollens. Mit jeder Sekunde, die wir weiter in die Dunkelheit vordringen, umhüllt uns eine immer kühler werdende, feuchte Luft. Unter Tage, in den weitläufigen Gängen des ehemaligen Eisenerzbergwerks, wird die harte und gefährliche Arbeit der Bergleute lebendig.

Glück auf
Die Führung durch die dunklen, von schwacher Beleuchtung erhellten Tunnel, vorbei an alten Werkzeugen und Maschinen, lässt uns die Anstrengungen und Herausforderungen nachempfinden, denen die Arbeiter täglich ausgesetzt waren. Es ist eine Fahrt tief in den Berg und eine Reise durch die Zeit. Wir sehen, mit welch einfachen Werkzeugen – im Grunde nur Hammer und Meißel und Muskelkraft – die Menschen zu Beginn das Eisenerz zu Tage förderten. Und mit was für gigantischen Höllenmaschinen das Zeitalter des Eisenerzabbaus in Luxemburg zu Ende ging. Riesige, gelb leuchtende Schaufelradbagger und überdimensionierte Bohrer stehen in den verzweigten Gängen. Sie wirken wie Maschinenwesen aus einem Science-Fiction-Filmset.
Wie wohltuend ist nach der Dunkelheit und dem Fels und Staub unsere Wanderung durch den Wald zwischen Rumelange und Esch-sur-Alzette. Wir passieren das „Haus Gonner“, das Kabeischen mit der Nummer 10 in der Nähe des Bergbaumuseums, bevor der Wald uns mit frischer Luft und leuchtend grünem Laub empfängt.
Wir wandern in dichtem Wald und spüren plötzlich einen kühlen Lufthauch auf dem Arm. Die Stämme der Buchen sind auf einmal von Moosen und Flechten bedeckt. Wer nun die Augen offen hält, wird ihn entdecken: den Weg in die Unterwelt. Immer wieder stößt man auf verlassene und mit schweren Gittertoren verschlossene Grubeneingänge. Oft kündigt die sanfte, kühle Brise die Tunnel an.
Wir folgen dem Luftzug. Langsam senkt sich der Pfad, auf dem wir gehen. Er schneidet immer tiefer in den Waldboden ein, bis er zu einem richtigen Schacht wird. Die Seitenwände sind über und über mit Moosen und Farnen bedeckt. Die Temperatur ist deutlich gesunken. Dann, hinter einer Brombeerhecke, entdecken wir den Eingang: ein schwarzes dunkles Maul inmitten des wuchernden Waldes.
Diese – zugegeben etwas gruseligen – Entdeckungstouren machen das Umherstreifen in den Wäldern des Minett zu etwas Abenteuerlichem. Uns wird bewusst, wie sehr der Mensch seine Umgebung umgestaltet. Und wie schnell sich die Natur alles wieder zurückholt, wenn man sie lässt.
Wir folgen dem Trail bis Esch/Alzette und fahren mit dem Bus zurück nach Dudelange. Schließlich warten Floater, DJ und Craftbier auf uns.


Menschengemachtes Naturparadies
Der nächste Morgen. Die Sonne scheint durch die große Panoramascheibe des Floaters. Von draußen grüßt der altbekannte, sich im Wasser spiegelnde Wasserturm. Im Licht der aufgehenden Sonne wirkt er geradezu filigran. Es klingelt an der Tür. Beim Aufmachen ist niemand zu sehen, dafür steht ein Tablett mit Saft, Brötchen, Käse, Schinken und Brot aus regionaler Produktion auf der Schwelle. So kann der Tag beginnen!
Wir stärken uns, denn wir werden mehrere Teilabschnitte gehen, um möglichst unterschiedliche Erlebnisse einzufangen. Wir beginnen mit der Suche nach dem Humpen. Ein Humpen war ein auf einem Eisenbahnwaggon installierter Kippbehälter, in den die noch flüssige Schlacke der Stahlproduktion eingefüllt wurde. Die Wagen fuhren von der Düdelinger Hütte an den Rand des Haard-Plateaus, und die Schlacke wurde über die Abbruchkante des nicht mehr genutzten Tagebaus ausgekippt. Heute ist die Schlackenhalde ein wertvoller Lebensraum für wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten. Zwischen dem sich schnell erwärmenden dunklen Geröll entstehen kleine Höhlen – Rückzugsorte für Eidechsen, Käfer und Schlangen.
Wir finden den Humpen und kraxeln hinein in den sich zur Landschaft hin öffnenden Bottich. Auf der anderen Seite des Tals fällt der Blick auf eine der längsten Steilwände Europas. Auch wenn die beeindruckenden roten Steinwände hier durch den massiven Eingriff des Menschen entstanden, so erinnern sie doch an die natürlichen Felsformationen des amerikanischen „Wilden Westens“. Locker stehender Wald wechselt sich mit offener, steppeartiger Graslandschaft ab. Dazwischen immer wieder das rote Gestein des Minett. Eine kleine schwarze Schlange verschwindet zwischen den Felsbrocken. Schmetterlinge flattern wackelnd von Orchidee zu Orchidee.



Strukturwandel deluxe
Wir erwarten, dass jeden Augenblick der Marlboro-Mann auf seinem Pferd an die gegenüberliegende Abbruchkante reitet und sinnierend in die Ferne blickt. Stattdessen hören wir es von der anderen Seite blöken. Eine Schafherde taucht zwischen den Büschen auf. Wir erkennen den Hütehund, der in irrem Tempo um die Herde rennt und sie zusammenhält. Statt des Cowboys steht nun ein Schäfer in bodenlangem Cape auf der anderen Seite des canyonartigen ehemaligen Tagebaus.
Wir wandern weiter durch das Naturschutzgebiet Haard-Hesselsbierg-Staebierg nach Tétange und nehmen den Bus nach Belval. In Belval erwarten uns die unzählbaren Treppenstufen hinauf zur Aussichtsplattform des ehemaligen Hochofens. Die Stufen knarren unter unseren Füßen, während wir uns emporarbeiten, umgeben von der imposanten Industriearchitektur, die jetzt Zeugnis einer vergangenen Ära abgibt. Oben angekommen, werden wir mit einem atemberaubenden Panoramablick über Belval und die umliegenden Gebiete belohnt. Die rostigen Strukturen des Hochofens ragen wie Skulpturen in den Himmel, während unten das neue Leben des Stadtviertels pulsiert.
Die alten Stahlwerke stehen nun Seite an Seite mit modernen Gebäuden, in denen sich die Universität, Museen und Unternehmen niedergelassen haben. Wir schlendern durch die „Cité des Sciences“, wo das Wissen der Zukunft geschaffen wird, und bewundern die harmonische Verschmelzung von Alt und Neu. Hier, in den Straßen von Belval, spüren wir den stetigen Puls des Fortschritts, während die Erinnerungen an die industrielle Vergangenheit in jeder Ecke nachhallen.


Geschichte und Geschichten

Dampfzug und Bergarbeiter-Flair
Von dort geht es hinab in den Fond-de-Gras, einen historischen Industrie-Freiluftpark, der einst eines der pulsierenden Herzen des luxemburgischen Bergbaus war. Der alte Bahnhof des Fond-de-Gras, der noch immer in seinem ursprünglichen Zustand erhalten ist, versetzt uns in eine Zeit zurück, in der Dampfzüge das dominierende Transportmittel waren. Eine besondere Attraktion ist der „Train 1900“, eine historische Dampfeisenbahn, die Besucher auf eine Zeitreise in die Vergangenheit mitnimmt und die – nach festem Fahrplan – zwischen Pétange und Fond-de-Gras fährt.
Im Bahnhof ist ein antik wirkendes Café untergebracht. Der Rhabarberkuchen lacht uns genauso an wie die mit weißen Dauerwellen gekrönte Dame hinter der Auslage. „Da fühlen Sie sich wie zur Jahrhundertwende, wie? Wir sind alle Vereinsmitglieder. Also alle, die hier arbeiten. Vom Schaffner bis zum Lokführer. Von der Kuchenverkäuferin bis zum Dampflok-Mechaniker. Eine große Familie, die das Rollenspiel liebt!“ Die Dame, die möglicherweise das gleiche Geburtsdatum hat wie die Dampflok, die fauchend vorbeifährt, gibt bereitwillig Auskunft und serviert uns einen fantastischen Obstkuchen.
Wir wandern durch dichten, bergigen Wald in Richtung Lasauvage. Unterwegs stoßen wir auf zahlreiche Überreste aus der Zeit des Bergbaus, darunter Strecken des „Bremswee“ der „Buggies“, der Wege der Lorenwagen, mit denen das kostbare Erz aus dem Abbaugebiet abtransportiert wurde. Die Zeugnisse der Industrievergangenheit, wie alte Strommasten und zugewachsene Überreste eines Schienennetzes, flüstern uns Geschichten aus einer anderen Zeit zu.




Im Bann der wilden Frau
Das Kabeiserchen in Lasauvage ist ein besonderes Juwel auf unserem Wanderweg. Hier werden wir wieder übernachten. Dieses ehemalige Arbeiterhaus wurde von der Architektin Anouk Pesch kunstvoll transformiert – in ein Haus, das sowohl Geschichte als auch modernen Komfort vereint. Im Inneren erwartet uns ein großer Gemeinschaftsraum sowie mehrere individuell gestaltete Zimmer. Jedes Zimmer bietet einen tollen Blick auf kunstvolle Fresken, die die Geschichte der wilden Frau – der Namensgeberin des Ortes – thematisieren. Ein Aufenthalt hier ist nicht nur eine Rast, sondern ein Eintauchen in die Kultur und Geschichte von Lasauvage.
Als wir das Dörfchen Lasauvage am nächsten Morgen verlassen, begleitet uns die plätschernde Crosnière auf unserem Weg nach Differdange, von wo wir mit dem (kostenlosen) Zug nach Schifflange fahren werden. Zum Abschluss unseres Minett-Trail-Wochenend-Abenteuers haben wir uns die einfachste Etappe – von Schifflange nach Bergem – ausgesucht. Gleichzeitig ist sie die am wenigsten typische. Statt durch rotes Gestein, Wald und sich wandelnde Industriebrachen zu wandern, begeben wir uns auf eine Tour durch die Sümpfe Luxemburgs. Wasserbüffel inklusive. Wenn wir Glück haben.


Das Wasser- und Vogelschutzgebiet „Dumontshaff“ ist ein Feuchtgebiet an der Alzette. Über Jahrzehnte war das Gebiet komplett trockengelegt. Jetzt, nach der Renaturierung, kommen seltene Arten wie der Klapperstorch wieder vorbei. Unter unseren Füßen knarzen die Holzbohlen des Stegs, der einen großen Teil des Wanderwegs ausmacht. Rechts und links des Holzstegs wuchern Sumpfpflanzen mit großen rosafarbenen Blütendolden. Alle paar Meter ruhen Schmetterlinge auf den von der Sonne erwärmten Planken. Sie flattern, durch unser Kommen aufgescheucht, durcheinander.
Auf der einfachen Brücke über die Alzette legen wir eine Rast ein. Lassen die Füße baumeln und schauen in Richtung Grasland. Von hier hebt sich das Land ganz langsam. Es wird wieder etwas trockener. Eine steppenartige Graslandschaft schließt sich an. Wir suchen die Ufer des Flusses ab. Ist der schwarze Fleck in der Ferne, zwischen dem Schilf und den Pappeln, ein Wasserbüffel? Vielleicht. Wir möchten es zumindest glauben. Die Libellen, deren Körper in der Sonne metallisch-grün schimmern, sind jedenfalls keine Einbildung.
Mit jeder Etappe des Trails wird uns bewusst, wie tief der Eingriff des Menschen in die Natur dieser Region ging – und wie sehr sich nun alles abermals wandelt. Die Menschen tun viel dafür, ihren Lebensraum so zu gestalten, dass er sich harmonisch mit der gegenwärtigen Natur verbindet. Alles ist im Fluss. Wir sind gespannt, was sich gewandelt haben wird, wenn wir das Minett das nächste Mal besuchen.



