Feuer im Bergell – traditionelle Kastanienernte in der Schweiz
Im Bergell beginnt im Herbst eine ganz besondere Zeit: die Kastanienernte.
Zwischen steilen Hängen und alten Selven begleiten wir die Kastanienbauern des Bergells (Graubünden, Schweiz) und entdecken, wie viel Wissen, Geduld und Leidenschaft in dieser jahrhundertealten Tradition der Kastanienkultur steckt.
Wenn im Bergell nicht Nebel, sondern feine Rauchschwaden zwischen den Hängen stehen, beginnt die Zeit der Edelkastanie. Zwischen Castasegna und Soglio wächst – auf einer sanften Terrasse – ein aussergewöhnlicher Kastanienhain, geprägt von jahrhundertealter Nutzung, kleinen Dörrhütten und einer Küche, die aus der süßen Frucht Pasta, Gnocchi, Mehl und Torten macht.
Wer vom Malojapass her ins Bergell hinunterfährt, merkt rasch: Dieses Tal erzählt anders. Eine Strasse schlängelt sich, begleitet vom Fluss Mera, durch das langgezogene Südtal bis nach Chiavenna in Italien; das Bergell wirkt dabei zugleich abgeschieden und erstaunlich weltoffen. Heute gehören die Dörfer zu einer politischen Gemeinde mit rund 1500 Einwohnerinnen und Einwohnern: Bregaglia. Amtssprache ist Italienisch, im Alltag klingt häufig ein Dialekt mit lombardischen und romanischen Spuren – Val Bargaia genannt.
Und dann gibt es da noch einen zweiten, leiseren „Sprachraum“: den der Kastanie. Im Herbst ist er besonders deutlich. Nicht Nebel, sondern Rauchschwaden: Das ist der Moment, wenn die Kastaniensaison beginnt und das Tal nach Feuerstellen, gerösteten Marroni und feuchtem Laub duftet. Vielleicht ist das die schönste Art, das Bergell kennenzulernen: nicht über Sehenswürdigkeiten, sondern über den Geruch, der einen plötzlich neugierig aus dem Auto steigen lässt.
Die „Frucht des Tales“ – und warum Vielfalt hier Programm ist
In den Kastanienselven der Alpentäler trifft man auf eine innige Vermischung verschiedenster Kastaniensorten. Dahinter steckt kein Zufall, sondern eine bäuerliche Logik: Wer möglichst viele Sorten kultivierte, konnte je nach Erntezeitpunkt, Standort und Verwendungsart unterschiedliche Produkte gewinnen. Mit anderen Worten: Vielfalt war eine Form von Sicherheit – und eine Grundlage für Genuss.
Im Bergell ist diese Idee bis heute sichtbar. Die Kastanie ist hier nicht bloss ein hübsches Herbstmotiv, sondern eine Kulturpflanze mit Alltagsbiografie. Und sie steht an einem Ort, der fast wie eine Bühne wirkt.
Zwischen Castasegna und Soglio: Ein Kastanienhain wie ein Park
Zwischen Soglio und Castasegna liegt der grösste gepflegte Kastanienhain Europas. Im Frühling stehen die Bäume in Blüte und verströmen süssen Duft, im Sommer spenden die Kronen Schatten, im Herbst liefert der Wald seine Früchte. Über die Jahreszeiten hinweg wechselt die Selva ihr Gesicht: vom Blütenduft bis zu den gelb-rotorangen Tönen des Herbstes, und im Winter als stille, beinahe meditative Landschaft.
Man kann sich das vorstellen wie einen kultivierten Naturpark: gross gewachsene Bäume, darunter ein Boden, der im Oktober und November „arbeitet“, weil alles fällt, rollt, raschelt. Und dazwischen Spuren menschlicher Hände: Wege, Mauern, kleine Bauten.
Der Kastanienlehrpfad: Eine Stunde, die hängen bleibt
Der Kastanienlehrpfad: Eine Stunde, die hängen bleibt
Wer mehr wissen will, folgt im Bergell nicht dem Museumsschild, sondern einem Lehrpfad. Auf der Terrasse von Brentan oberhalb von Castasegna wurde ein Kastanienlehrpfad eingerichtet, der in etwa einer Stunde durch den Hain führt.
Was den Weg besonders macht, sind die Informationstafeln: Sie erklären nicht nur die Kastanie selbst, sondern auch Aspekte der örtlichen Flora und Fauna sowie die Vielfalt der Kastanien und ihres Anbaus. Und dann gibt es noch ein Detail, das den Sprung von der Botanik in die Kulturgeschichte schafft: In einer Muster-„Cascina“ – so heissen die kleinen Steinhütten – erfährt man, wie Kastanien noch immer getrocknet und verarbeitet werden.
Vielleicht ist das der Moment, in dem man begreift, warum Kastanien in vielen Bergtälern einmal mehr waren als ein Snack: Sie waren verlässliche Energie, lagerfähig, wandelbar. Ein Lebensmittel, das sich an die Bedingungen der Höhe anpasst – und an das Tempo eines Winters.
Herbstwandern mit allen Sinnen: dem Produkt bis zum Teller folgen
Eine Herbstwanderung durchs idyllische Südtal, bei der man der Kastanie vom Baum zum fertigen Produkt folgt: Das ist mehr als ein hübscher Slogan. Denn die Kastanie bleibt im Bergell nicht im Wald: Sie taucht in Schaufenstern auf, auf Speisekarten, in Bäckereien, in Dorfläden.
Kulinarisch ist die Frucht erstaunlich wandlungsfähig. Im Bergell findet man sie als heisse Marroni, in Kombinationen mit Käse und Honig, als Mehl – und damit als Grundlage für Brot oder Pasta. Auf Menüs stehen auch Kastaniengnocchi; für Süsses gibt es Kastanientorte oder Guetzli. In Restaurants taucht Kastanienpasta auf, in Pasticcerien Kastanienkuchen, und in Dorfläden findet man verschiedene Kastanienprodukte zum Mitnehmen.
Praktisch unterwegs: So findet man die Selven von Castasegna
Der Lehrpfad startet in Castasegna. Von der Hauptstrasse geht es hinauf Richtung Ortsteil Brentan, dann durch den oberen Teil der Selve, später als Runde zurück. Anreise ist auch ohne Auto möglich: mit dem Postauto ab St. Moritz oder ab Chiavenna bis Castasegna. Im Dorf gibt es mehrere kostenlose Parkplätze. Trekking- oder Wanderschuhe sind empfehlenswert.
Ein Tal wie ein Kunstwerk
Das Bergell ist nicht nur kulinarisch eigen. Es ist auch Heimat der Künstlerfamilie Giacometti. Und Giovanni Segantini machte Soglio in den Wintermonaten zu seiner Wahlheimat. Soglio thront auf einer Sonnenterrasse auf 1090 Metern. Segantini nannte es die „Schwelle zum Paradies“. Solche Sätze bleiben hängen, weil sie das Tal nicht erklären wollen, sondern ihm Raum geben.
Vielleicht passt genau das zur Kastanie: Sie ist ebenfalls keine schnelle Erklärung, sondern eine langsame Erfahrung. Man sieht sie nicht nur – man wartet auf sie, sammelt sie, röstet sie, trocknet sie, mahlt sie. Und irgendwann, Tage oder Wochen später, liegt sie als Mehl, Pasta oder Torte wieder auf dem Tisch.
Weiterführende Infos findest du auf: