Auf den Findlingen vor dem Grab liegen Muscheln und kleine Steine, dazwischen eine Vogelfeder. Besucher haben sie dort abgelegt. Dahinter steht ein Marmorstein mit Kreuz aus dem Jahr 1890, oben trägt er den Namen „Seattle“, auf dem Sockel „Sealth“. Die Inschrift nennt den Toten „The Firm Friend of the Whites“, den treuen Freund der Weißen. Nach ihm hätten die Gründer die Stadt Seattle benannt, steht darunter. Aufgestellt haben den Stein nicht die Suquamish, sondern Pioniere aus Seattle um Arthur Denny. Wer an der Salish Sea nach indigener Kultur sucht, landet schnell bei der Frage, wer hier eigentlich die Geschichte erzählt.
Kurz erklärt
Wo erlebt man indigene Kultur in Washington State?
An der Salish Sea und auf der Olympic Peninsula betreiben mehrere der 29 von der US-Regierung anerkannten Stämme eigene Museen und Kulturzentren. Vier Orte lassen sich gut zu einer Reise verbinden. In Suquamish auf der Kitsap Peninsula liegen das Suquamish Museum und das Grab von Chief Seattle. In Blyn bei Sequim stehen mehr als 35 Totempfähle des Jamestown S’Klallam Tribe. Neah Bay ist der Hauptort der Makah, mit dem Makah Cultural and Research Center und dem Cape Flattery Trail. In Shelton zeigt der Squaxin Island Tribe in seinem Museum ein rund 500 Jahre altes Fischernetz aus Zedernrinde. Für Ausflüge auf dem Land der Makah brauchen Besucher einen Makah Recreation Pass.
01 · Suquamish
Suquamish: Chief Seattles Grab und das Suquamish Museum
Von Seattle aus dauert die Fähre nach Bainbridge Island gut eine halbe Stunde, dann ist es eine kurze Autofahrt bis Suquamish auf der Kitsap Peninsula. Der Name des Stammes geht auf das Lushootseed-Wort dxʷsəq̓ʷəb zurück, „klares Salzwasser“: Die Suquamish sind die Menschen dieses Wassers. Fischfang und Kanus prägten ihr Leben, ihr Wissen gaben sie in Erzählungen weiter.
Ihr bekanntester Anführer war Si’ahl, den die Siedler Seattle nannten. Er führte Suquamish und Duwamish und unterzeichnete 1855 als Erster den Vertrag von Point Elliott, mit dem die Stämme große Teile ihres Landes an die USA abtraten. Gestorben ist er am 7. Juni 1866. Sein Grab liegt auf dem Friedhof des Stammes, wenige Straßen vom Museum entfernt.

Den Grabstein von 1890 setzten Siedler, die beiden Story Poles kamen 2011 dazu. Foto: C. Pivarnik
Seattle sprach Lushootseed, aufgeschrieben hat die Rede ein Siedler, mehr als 30 Jahre später.
Bekannt ist Seattle vor allem für eine Rede, die er 1854 vor Gouverneur Isaac Stevens gehalten haben soll. Ihr Wortlaut ist unsicher. Seattle sprach Lushootseed, aufgeschrieben hat die Rede ein Siedler, mehr als 30 Jahre später: Der Arzt Henry A. Smith veröffentlichte seine Fassung 1887, aus dem Gedächtnis. Die vielzitierten Sätze über Natur und Umwelt stammen zum großen Teil aus Bearbeitungen, die ab Ende der 1960er-Jahre entstanden.
Seit 2011 rahmen zwei Story Poles aus Zedernholz das Grab. Geschnitzt haben sie Andrea Wilbur-Sigo und Steve Sigo vom Squaxin Island Tribe. Die Pfähle zeigen Seattle als Jungen, der 1792 die Schiffe von George Vancouver sieht, und das Old Man House, das Langhaus der Suquamish am Agate Pass. Zwischen 200 und 300 Meter lang soll es gewesen sein. 1870 ließ es der Reservatsverwalter der US-Regierung niederbrennen. Seit 2004 gehört das Ufergrundstück, heute der Old Man House Park, wieder dem Stamm.
Wie die Suquamish ihre Geschichte selbst erzählen, zeigt das Suquamish Museum, gegründet 1983. 2026 hat es den Excellence in Indigenous Tourism Award der American Indigenous Tourism Association erhalten. Im Ausstellungsraum tragen rotbraune Figuren von Menschen und Tieren ein dunkles Kanu über den Köpfen, unter der Decke hängt ein Schwarm weißer Lachse. Auch Lushootseed, die Sprache der Suquamish, hat hier ihren Platz. Sie war fast verstummt. Lawrence Webster, ein Suquamish, hielt an ihr fest, obwohl er im Internat in Tulalip dafür bestraft wurde, und half später, sie wiederzubeleben. Heute will das Museum Sprache und Wissen an die nächsten Generationen weitergeben.

Menschen und Tiere tragen das Kanu: Ausstellung im Suquamish Museum. Foto: C. Pivarnik


Unter der Decke ein Schwarm Lachse, in der runden Vitrine eine geschnitzte Maske. Fotos: Greg Balkin
02 · Blyn
Blyn: Mehr als 35 Totempfähle an der Sequim Bay
Auf der anderen Seite des Hood Canal, an der Sequim Bay, hat der Jamestown S’Klallam Tribe seinen Sitz. S’Klallam bedeutet „starke Menschen“. Der Stamm ist einer von drei S’Klallam-Stämmen, seine Geschichte an dieser Küste reicht mehr als 10.000 Jahre zurück. Den Namen Jamestown verdankt er einem Landkauf: 1874 erwarben S’Klallam-Familien rund 85 Hektar bei Dungeness und benannten die Siedlung nach ihrem Anführer James Balch. Offiziell anerkannt hat die US-Regierung den Stamm erst 1981.
Auf dem Stammesgelände in Blyn stehen mehr als 35 handgeschnitzte Totempfähle, auch vor dem Casino und dem Hotel des Stammes. Viele stammen von Dale Faulstich, der jahrzehntelang für den Stamm schnitzte und 2016 in den Ruhestand ging. Seine früheren Lehrlinge führen die Arbeit fort. Die Pfähle erzählen Geschichten der S’Klallam, und wer sie sehen will, kann das Gelände auf eigene Faust abgehen.
Schnitzen und Flechten haben bei den S’Klallam eine lange Tradition, von zeremoniellen Masken bis zu Körben. Arbeiten indigener Künstlerinnen und Künstler aus Washington verkauft der Stamm in seiner Galerie Northwest Native Expressions.

Türkis, Rot, Schwarz und Weiß: Gesicht an einem Totempfahl des Jamestown S’Klallam Tribe. Foto: C. Pivarnik
03 · Neah Bay
Neah Bay: Cape Flattery und die Funde von Ozette
Von Port Angeles sind es rund 110 Kilometer bis Neah Bay, zuletzt auf dem Highway 112 an der Juan-de-Fuca-Straße entlang. Hier, an der Nordwestspitze der Olympic Peninsula, leben die Makah. Sie fischten und jagten Wale, mit ihren Kanus fuhren sie weit auf den Pazifik hinaus. Als die Makah 1855 den Vertrag von Neah Bay unterzeichneten, ließen sie sich das Recht auf Walfang ausdrücklich zusichern. Kein anderer Vertrag zwischen den USA und einem Stamm enthält diese Klausel.
Rund zwölf Kilometer hinter dem Ort endet die Straße am Parkplatz des Cape Flattery Trail. Der Weg führt durch Wald, über Holzstege und Wurzeln zu drei Aussichtsplattformen über der Steilküste, hin und zurück sind es etwa 2,4 Kilometer. Unten arbeitet die Brandung an Felsinseln und Meereshöhlen, vor der Spitze liegt Tatoosh Island mit seinem Leuchtturm. Weiter nach Nordwesten geht es in den 48 zusammenhängenden US-Bundesstaaten nicht. Für die Wanderung brauchen Besucher den Makah Recreation Pass, 20 US-Dollar pro Fahrzeug, gültig für das Kalenderjahr. Es gibt ihn online und an mehreren Stellen in Neah Bay, auch am Parkplatz.

Aussichtsplattform am Cape Flattery Trail: Unter dem Geländer brandet der Pazifik gegen die Felsinseln. Foto: C. Pivarnik
Was die Makah über Jahrhunderte hergestellt und benutzt haben, zeigt das Makah Cultural and Research Center im Ort. Ein großer Teil der Sammlung stammt aus Ozette, einem Dorf an der Pazifikküste. Vor 300 bis 500 Jahren verschüttete ein Erdrutsch einen Teil der Häuser. Unter dem Schlamm blieb erhalten, was sonst längst verrottet wäre, vor allem Holz. 1970 legte ein Sturm die Fundstelle frei, elf Jahre lang wurde gegraben. Mehr als 55.000 Fundstücke kamen zutage, rund 30.000 davon aus Holz. Das Museum, 1979 eröffnet, zeigt Walfang- und Fischereigerät, Körbe, nachgebaute Kanus und ein Langhaus in Originalgröße. Fotografieren ist in der Ausstellung nicht erlaubt.


Zwei Lachse auf der Museumstür, zwei Willkommensfiguren auf der Wiese: Ankunft in Neah Bay. Fotos: C. Pivarnik
Ende August feiert Neah Bay die Makah Days, am Wochenende, das dem 26. August am nächsten liegt. An diesem Tag wurde 1913 im Ort zum ersten Mal die US-Flagge gehisst, 1924 bekamen Native Americans die US-Staatsbürgerschaft. Gefeiert wird mit Kanurennen und Tänzen, mit Lachs vom Feuer und Slahal, einem traditionellen Ratespiel. Dazu gehören eine Parade und ein Feuerwerk.
Salish Sea in Zahlen
von der US-Regierung anerkannte Stämme in Washington State
Totempfähle auf dem Gelände des Jamestown S’Klallam Tribe in Blyn
Fundstücke aus dem verschütteten Makah-Dorf Ozette
hin und zurück auf dem Cape Flattery Trail
04 · Shelton
Shelton: Ein Fischernetz aus Zedernrinde, rund 500 Jahre alt
Ganz im Süden verzweigt sich der Puget Sound in schmale Meeresarme. An den sieben südlichsten lebten die Vorfahren des Squaxin Island Tribe, der sich „People of the Water“ nennt, Menschen des Wassers. In Shelton betreibt der Stamm das Squaxin Island Museum Library and Research Center, Museum, Bibliothek und Forschungszentrum unter einem Dach.
Ein Höhepunkt der Ausstellung stammt aus Mud Bay, einer alten Fischereistätte des Stammes: ein Kiemennetz aus Zedernrinde, darin die Gräten von Hunderten Silberlachsen. Eine Radiokarbonuntersuchung datierte die Fundstelle 1999 auf rund 500 Jahre. An der gesamten Westküste wurden nur vier weitere Netze dieser Art gefunden, keines davon aus Zedernrinde. Ausgegraben haben der Stamm und das South Puget Sound Community College gemeinsam, bisher etwa ein Zehntel der Fläche.
Gut zu wissen
Reservate sind Land der Stämme, sie legen dort eigene Regeln fest. Bei den Makah gilt der Recreation Pass, im Makah Museum ist Fotografieren verboten. Menschen und Zeremonien fotografiert man nur, wenn man vorher gefragt hat. Bei den Chief Seattle Days, die der Suquamish Tribe jedes Jahr im August feiert, sind manche Programmpunkte Stammesmitgliedern vorbehalten. Kunst kauft man am besten direkt bei den Künstlern oder in Galerien der Stämme. Weitere Hinweise gibt State of Washington Tourism auf seiner Seite zum indigenen Erbe des Bundesstaats.
Praktisch
- Anreise: Flug nach Seattle-Tacoma (SEA). Nach Suquamish geht es mit der Fähre von Seattle nach Bainbridge Island, die Überfahrt dauert gut eine halbe Stunde. Von dort fährt man mit dem Auto weiter.
- Route: Suquamish, Blyn und Neah Bay liegen an einer Strecke über die Kitsap und die Olympic Peninsula, von Port Angeles sind es rund 110 Kilometer bis Neah Bay. Shelton liegt im Süden des Puget Sound, nicht weit von Olympia. Wer im Camper unterwegs ist, findet in unseren Tipps zur Stellplatzsuche Hinweise für die Nacht.
- Cape Flattery: Der Makah Recreation Pass kostet 20 US-Dollar pro Fahrzeug und gilt im Kalenderjahr. Es gibt ihn online auf makah.com oder in Neah Bay, unter anderem im Museum, in der Marina und am Trailhead. Über matschige Abschnitte führen Holzstege, wasserdichte Schuhe lohnen trotzdem. Wie sie dicht bleiben, steht in unserem Ratgeber zum Imprägnieren von Wanderschuhen.
- Makah Museum: täglich 10 bis 17 Uhr, Eintritt für Erwachsene 10 US-Dollar (Angaben laut makah.com). Geschlossen an Neujahr, Thanksgiving und Weihnachten.
- Makah Days: jedes Jahr am Wochenende, das dem 26. August am nächsten liegt.
05 · Ausblick
Was die vier Orte verbindet
In Suquamish hängt ein Schwarm Lachse unter der Museumsdecke, auf der Tür des Makah Museum schwimmen zwei. Im Netz aus Mud Bay steckten die Gräten von Hunderten. Der Lachs ernährte die Küstenvölker der Salish Sea und hat bis heute einen Platz in ihren Zeremonien. Die Verträge der 1850er-Jahre sichern den Stämmen das Recht, an ihren angestammten Plätzen zu fischen.
Auch der Port of Seattle, seit 1911 für Hafen und Flughafen zuständig, hat mit Stämmen Vereinbarungen über Fischereirechte und den Zugang zu Fanggründen geschlossen. Mit den Suquamish und dem Muckleshoot Indian Tribe setzt er sich für die Lachsbestände ein. An 16 Stellen hat der Hafen bislang mehr als 12,5 Hektar Lebensraum für Fische und Wildtiere wiederhergestellt oder aufgewertet.
Am Grab in Suquamish steht der Stein der Siedler bis heute. Die Pfähle daneben aber hat der Stamm aufstellen lassen. Sie zeigen das Langhaus, das die US-Regierung niederbrennen ließ, und einen Jungen, der fremde Schiffe kommen sieht. Die Geschichte dieser Küste erzählen inzwischen wieder diejenigen, die seit Jahrtausenden hier leben.



