Kapitänin auf Zeit – Hausbooturlaub auf der Tisza

Unterwegs zu Wasser auf dem Tisza-Tó
»Grapefruit!!«
Der siegessichere Ausruf trägt sich weit über das ruhige Wasser des Theiß-Sees (ung. »Tisza-Tó«), bevor er sich im allabendlichen Konzert aus Vogelgesang, Zirpen und Quaken verliert. Wir sitzen und stehen verteilt im Wohnbereich des größten Hausboots und halten die Bäuche vor Lachen, während uns das Gesellschaftsspiel am Ende eines langen Tages auf Trab hält. Wer sich umschaut, sieht in gerötete Gesichter von sonnenreichen Juni-Tagen und in Augen, zufrieden schwer vom Tokajer, dem ganzen Stolz der Weinregion im Norden Ungarns.
Es ist der Abend von Tag drei unserer Reise auf der Theiß (ung. »Tisza«), nach der Donau der zweitlängste Fluss des Landes, der sich mal rasant und mal gemächlich von der Quelle in der Ukraine bis runter nach Serbien schlängelt. Drei Tage, in denen das Boot langsam von einer fremden Umgebung zu einem Zuhause auf Zeit geworden ist. Morgens geweckt werden vom leisen Gurgeln der Wellen am Bug, tagsüber eine am Steuer, die andere dahinter auf dem Campingstuhl. Füße hoch, Nase im Buch, abends Leinen fest und Motor aus.
Hausbooturlaub kannte ich vor allem aus Werbeprospekten. Spektakuläre Bilder der Mecklenburgischen Seenplatte und Testimonials gut situierter Menschen um die 60. “Ruhestand. Segelschuhe. Geld”, schienen sie zu flüstern und so plätscherte diese besondere Art des Reisens gemächlich an mir vorbei. Jahre später, aber noch deutlich vor der Rente, sitze ich nun selbst am Steuerrad dieser Mischung aus Ferienhaus und Camper.




Kapitänskrönung in Kisköre
Start und Endpunkt unserer Reise ist Kisköre am südlichen Ende des Tisza-Tó. Knapp 150 Kilometer östlich von Budapest liegt die Kleinstadt in der Großen Ungarischen Tiefebene. Auf den alten Strommasten und Dächern thronen Storchennester, fast jedes einzelne ist besetzt.
Es ist ein später Nachmittag Anfang Juni, als wir zum Start unserer 3-tägigen Hausbootreise am Hafen ankommen. Viel grün, sehr heiß und es ist was los in dem ansonsten eher ruhigen Städtchen: Dutzende Angler bereiten ihre kleinen Boote für die nächtliche Fahrt vor, während einige Meter weiter Fahrradtouristen für eine späte Kaffee-Pause im kürzlich renovierten »Móló Bisztró« unter dem Aussichtsturm »Lábasház« sitzen. Im Hintergrund erhebt sich das nahe gelegene Wasserkraftwerk von Kisköre, dessen Bau den Fluss vor Jahrzehnten grundlegend verändert hat. Hier wurde in den 1970er-Jahren die Tisza aufgestaut und der heutige See geschaffen. Wo zuvor Ackerflächen, Obstgärten, Wälder und alte Flussarme die Umgebung prägten, entwickelte sich über Jahrzehnte eine mosaikartige Wasserlandschaft aus offenen Wasserflächen, Inseln, Flachwasserzonen und dichter Vegetation, die heute zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bietet.
»Alle Hausbootmieter, mit und ohne Bootsführerschein, erhalten vor dem Urlaubsbeginn eine umfassende Einweisung: Steuerverhalten, Wassertiefe, Tiefgang, Gewässerkarte – und natürlich ein praktisches Training.«
Balázs von der Riverly-Basis in Kisköre führt uns in die Schulungsräume. Hier bekommen alle Mieter, mit und ohne Bootsführerschein ihre Einweisung. Einen amtlichen Bootsführerschein müssen wir für die Reise nicht vorweisen.
»Wir arbeiten zurzeit an einer Navigations-App, dann geht das mit den Wasserkarten noch einfacher. Gerade beim Tisza-Tó ist es wichtig, weil das manchmal schon etwas flach werden kann. Aber einfach in der Mitte bleiben, dann klappt das schon!« Balázs zeigt uns stolz den Prototypen, der für meine ungeübten Augen schon ziemlich fertig aussieht. »Der See ist sehr anfängerfreundlich« schiebt er mit einem beruhigenden Lächeln nach, meine Verunsicherung spürend, »probieren wir es direkt mal aus!«



Bevor wir mit dem Charterschein für die Woche in unsere Kajüten entlassen werden, findet der praktische Teil der Einweisung auf dem Hausboot statt. Wir verteilen uns auf die Hausboote, Yvonne und ich sind nur zu zweit, die restlichen fünf der Gruppe verteilen sich auf zwei weitere Boote.
Auf einer begleiteten Probefahrt machen wir uns mit der Steuerung, den Knöpfen und Anzeigen vertraut. Das Boot fährt mit bis zu zehn Kilometern pro Stunde und ist leicht zu steuern, geradeausfahren ist schnell verstanden. Doch es braucht ein wenig Fingerspitzengefühl, damit man nicht nach kurzer Zeit in Schlangenlinien von Back- nach Steuerbord stolpert oder das mehrere Tonnen Ferienhaus nicht dann noch weiterfährt, wenn man selbst innerlich längst beschlossen hat anzuhalten. Die größte Herausforderung wartet wenig später am Steg und ist eine Teamaufgabe: Leinen sauber vorbereiten, Geschwindigkeit rausnehmen, aufstoppen, Abstand einschätzen, mit Bedacht anlegen, rückwärts-seitwärts, vorwärts mit Drift. Yvonne parkt ein, Rieke geht von Bord, Boot festmachen.
»Und kein Stress, wenn es mal länger dauert,« gibt Balázs uns mit. »Dann dauert es eben! Einfach Tempo rausnehmen und mit der Zeit wird der Umgang mit dem Hausboot so selbstverständlich wie mit dem Auto.«
Es ist vielleicht der wichtigste Rat des Tages, mit dem wir in den Feierabend entlassen werden. Hausbootfahren funktioniert nicht besser, wenn man hektischer wird. Meist funktioniert es besser, wenn man langsamer wird und die Entschleunigung auch innerlich zulässt.
Infobox: Unsere 3-Tagestour mit dem Hausboot auf dem Tisza-Tó
Insgesamt waren wir 3 Tage und 4 Nächte mit dem Hausboot unterwegs. Gestartet im Hafen von Kisköre, weiter nach Tiszafüred und auf der Rücktour einen Abstecher in Abenteuerdorf von Sarud. In einer vereinfachten Karte habe ich die Route einmal dargestellt, die rote Linie zeichnet dabei unsere Fahrt an Tag 2 und 3 nach.
Wer mehr Zeit mitbringt, dem empfehle ich die Tour von Kisköre nach Tokaj* weiter im Norden des Landes. Wir haben diesen Teil der Tisza an Tag 4 mit dem Shuttle besucht. Für Kultur- und Naturliebhaber empfiehlt sich ebenfalls ein Abstecher in die ländlichen Teile des Hortobágyi-Nationalparks weiter östlich von Tiszafüred, zu dessen Einzugsgebiet auch Teile des Tisza-Tós gehören (wie die Altarme der Tisza).
Langsam ist plötzlich schnell genug
Die Motoren brummen leise, als sich das erste Hausboot unter der Klappbrücke hindurchschiebt. Faltdach runter, Tempo drosseln, Abstände im Blick behalten: Viel passiert eigentlich nicht, trotzdem sind alle zumindest konzentriert. Es ist das erste Hindernis an diesem Morgen auf unserer Tagesetappe von Kisköre nach Tiszafüred. Hinter uns liegen bereits drei Stunden gemütliche Fahrt, vorbei an den grün gesäumten Ufern, kleinen Stränden und den »tiszai úszóházak« (engl. »Floating Homes of Tisza«) vor Tiszaörvény. Genug Zeit also für ausgiebige Gespräche, hätte-ich-mal-mitgenommen-Packlisten und die mentale Vorbereitung auf eben diese zehn Sekunden, in denen wir die Boote zwingend auf Spur halten müssen. Dann ist alles wieder vorbei – nichts versenkt, nichts gerammt. Ein voller Erfolg.
Solche Momente verändern das Verhältnis zum Boot erstaunlich schnell. Was sich am ersten Nachmittag noch nach exorbitanter Verantwortung anfühlt, wird nach und nach Routine. Geschwindigkeit einschätzen, Kurs korrigieren, rechtzeitig vom Gas gehen. Die Bewegungen werden selbstverständlicher und damit beginnt genau die Freiheit, die Hausbootprospekte so oft versprechen. Ruhestand hin oder her, mein innerer Hausboot-Rentner ist inzwischen voll an Bord.



Auf Ranger-Tour im Hortobágyi-Nationalpark
Am Tagesziel in Tiszafüred angekommen verändert sich die Landschaft. Teile des Tisza-Tó gehören hier zum Schutzgebiet des Hortobágyi-Nationalparks. Dichte Vegetation, flache Altarme und Rückzugsräume für zahlreiche Vogelarten prägen das Gebiet. Einige besonders sensible Bereiche dürfen mit motorisierten Booten nicht einfach befahren werden.
Also wechseln wir das Gefährt. Am Hafen von Tiszafüred treffen wir David, einen erfahrenen Natur-Ranger, der uns die kommenden zwei Stunden mit einem kleinen Boot durch die flachen, dschungelartigen und unberührten Altarme der Alt-Theiß (ung. »Holt-Tisza«) führt. Vorbei an Biberburgen und sonnenbadenden Schildkröten bahnen wir uns – begleitet von Wasserläufern, Nachtreihern, Seeschwalben, Schwänen, Enten, und so vielen mehr – einen Weg durch das Meer aus Wassernüssen, Seerosen und den besonderen Seekannen, die aufgrund ihrer Form den Beinamen »Yellow Floating hearts« tragen. Die leuchtend gelben Blüten öffnen sich meist nur bei Sonnenschein und halten oft nur einen einzigen Tag.







David zeigt, erklärt, wartet. Immer wieder wird der Motor leiser oder verstummt ganz. Das ist der Moment, in dem sich der Tisza-Tó landschaftlich am stärksten von dem unterscheidet, was ich mir unter Hausbooturlaub auf einem künstlichen Stausee im Osten Ungarns vorgestellt hatte. Diese vielen Übergänge, vom breiten Fluss in schmale, verwachsene Seitenarme, wo das Schilf leise am Bug kratzt und man Geräusche von Tieren wahrnimmt, die auf den Hauptstrecken kaum zu hören sind. Wo die Luft dicht ist von dem Geruch feuchter Vegetation und sich die Wärme um den Körper legt wie ein schwerer, unsichtbarer Schleier.
Vom Steuerrad auf den Drahtesel
In Tiszafüred bleiben die Hausboote vorerst am Steg. Nach dem Frühstück des Folgetages steigen wir um auf unsere Klapp-Fahrräder, die wir in Kisköre mit an Bord genommen haben. Auf gut ausgebauten Fahrradwegen machen wir uns am See entlang auf den Weg nach Poroszló, zum modernen Ökozentrum der Region (ung. »Tisza Tavi Ökocentrumból«). Es ist eine willkommene Abwechslung in der Fortbewegung und symptomatisch für diese Reise: Das Hausboot ist weniger eine abgeschlossene Urlaubswelt als eine bewegliche Basisstation. Mal fahren wir Boot, mal legen wir an und erkunden die Umgebung des Flusses. Vom Fahrrad aus wirkt die Landschaft anders. Entrückt, weniger unmittelbar und manchmal auch erstaunlich weit.
Im Ökozentrum begegnen uns viele der Tiere und Lebensräume wieder, die wir am Tag zuvor draußen gesehen haben. Gleichzeitig wird deutlich, wie viel von dieser Landschaft uns verborgen geblieben ist. Während Reiher, Schildkröten und Seerosen kaum zu übersehen waren, spielte sich unter der Wasseroberfläche eine ganz andere Welt ab. Einen Eindruck von ihren Dimensionen liefert ein Fang aus dem Jahr 2022, als ein junger Angler einen mehr als 100 Kilogramm schweren Wels aus der Tisza holte.




Auf der Rückfahrt nach Kisköre machen wir noch einmal einen Schlenker nach Westen. Hinter Tiszaörvény lassen wir den Hauptlauf der Tisza zurück und fahren hinaus auf die offene Wasserfläche des Saruder Beckens.
Plötzlich fehlt jede Begrenzung: Das gegenüberliegende Ufer ist nur zu erahnen, vor uns liegen Wasser und Horizont, dazwischen kaum mehr als ein paar Bojen und vereinzelt Segel. Nach den verwachsenen Altarmen und schmalen Passagen des vergangenen Tages wirkt diese Weite fast unwirklich. Bei Sarud ankern wir für den Nachmittag am »Élményfalu«, dem Abenteuer- und Erlebnisdorf, das sich für die anstehende Sommersaison rüstet. Hier wird vieles von dem gebündelt, was rund um den See möglich ist: schwimmen, klettern, reiten, segeln, radeln oder mit Kajak und SUP hinaus aufs Wasser.
»Einmal im Jahr kommen beim ›Water Market‹ lokale Produkte und Spezialitäten hinzu,« berichtet Balázs, während wir uns im Wasser Abkühlung verschaffen. »Buden und Stände mit Handwerkskunst, regionalen Spezialitäten an Land und die Drachenboote, Rutschen, SUPs und Kajaks im Wasser.« Balázs hat erlebt, wie sich der Tourismus rund um den Tisza-Tó in den vergangenen Jahren verändert hat. Als er mit dem Riverly-Stützpunkt in Kisköre startete, kam zunächst die Pandemie, später belasteten die Folgen des Kriegs in der Ukraine das Geschäft. Trotzdem wurde der Hafen ausgebaut, internationale Gäste kamen hinzu und mit Angeboten wie dem Élményfalu versucht die Region, sich auch jenseits des klassischen Angel- und Badeurlaubs stärker zu positionieren.
Ob dieses Gefühl, dass sich etwas bewegt, für ihn auch über den Tourismus hinaus gilt, möchte ich wissen. Seine Antwort kommt schnell. Nach 16 Jahren Fidesz-Regierung habe sich vieles festgefahren, sagt er. Seit dem Regierungswechsel im Mai spüre er aber endlich Bewegung, auch und insbesondere von Regierungsseite.
Fazit
Es ist ein langsames Annähern zwischen Mensch und Natur auf dem Theiß-See, dem Tisza-Tó. Die Landschaft drängt sich nicht auf, sie wächst einem langsam entgegen und ans Herz. Man verbringt Zeit mit ihr, ohne permanent etwas „erleben“ zu müssen, da es irgendwann keinen Grund mehr gibt, innerlich schneller zu sein. Gespräche vertiefen sich, weil nichts anderes wartet oder drängt. Bücher bleiben länger aufgeschlagen, Gedanken dürfen abschweifen und manchmal einfach versanden. Und auch Ostungarn erschließt sich auf diese Weise eher langsam. Nicht mit einem großen Paukenschlag, sondern über viele kleine Momente und Bilder, die sich nach und nach festsetzen.
Im Grunde bleibt am Ende einer Reise wie dieser in erster Linie die Erkenntnis, dass Langsamkeit in der Fortbewegung wie so oft weniger als Einschränkung und stattdessen als Entscheidungsfreiheit empfunden wird: Frei darin sein, zu ankern, wo es gefällt. Länger an Orten zu bleiben, die einen in den Bann ziehen. Oder spontan zu entscheiden, wie der Tag verlaufen soll, der vor einem liegt. Keine Verpflichtungen, flexible Pläne. Heute länger baden, morgen mit dem Fahrrad, Kajak oder SUP die Umgebung zu Wasser und an Land erkunden. Das Hausboot gibt die Geschwindigkeit vor, aber erstaunlich wenig von dem, was dazwischen passiert.
Mein eigenes Hausbootklischee hat die Reise jedenfalls nicht überlebt. Offenbar kann man sich auch vor der Rente erstaunlich gut daran gewöhnen, nirgendwo dringend hinzumüssen und so ist das laut gerufene »Grapefruit!« vermutlich das Schnellste, was an jenem Abend in Kisköre noch über den See zieht.


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*Transparenzhinweis: Die Reise wurde im Rahmen einer Pressereise unterstützt. Reise- und Aufenthaltskosten wurden ganz oder teilweise von den beteiligten Partnern übernommen. Die redaktionelle Berichterstattung erfolgt unabhängig und ohne inhaltliche Vorgaben. Im Beitrag genannte Anbieter und weiterführende Angebote wurden aus redaktionellen Gründen verlinkt.


