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Antrisches Toul: Wandern im Ahrntal – zwischen Sagen, Nebel und Erinnerung

Ahrntal | Südtirol

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Es gibt Orte, die man nicht einfach betritt, sondern nur gestattet bekommt. Räume, die sich nicht durch Karten, Höhenmeter oder Wegweiser erschließen, sondern durch Stimmung, Wetter und Stille. Das Antrische Toul im hinteren Ahrntal in Südtirol gehört zu diesen Orten. Schon bevor ich einen Fuß auf den Weg setzte, wusste ich, dass dieser Tag keiner sein würde, an dem man Landschaft konsumiert. Es war ein Tag, an dem man ihr zuhört.


Das Antrische – kein Ort, sondern ein Zustand

Im Ahrntal spricht man nicht von Mystik, sondern vom Antrischen. Das Wort erklärt nichts und bedeutet alles. Es ist kein Märchenbegriff, kein religiöser Rest, kein touristisches Etikett. „Antrisch“ meint etwas, das nicht für jeden sichtbar ist, aber für jene spürbar, die ohne Forderung kommen.

Früher sagten die Leute nicht, ein Tal sei gefährlich oder unzugänglich – sie sagten, es sei „antrisch“. Damit meinten sie Orte, an denen Geschichten nicht erzählt, sondern behalten wurden. Plätze, an denen man nicht ruft, sondern anklopft, innerlich. Orte, an denen man nicht verloren geht, aber auch nicht allein ist.

Das Antrische ist kein Gegensatz zur Realität, sondern eine tiefere Wahrnehmung davon. Es liegt in feuchtem Holz, im Nebel, in Stimmen, die nicht laut sein müssen. Es ist nicht an Farbe, Wetter oder Tageszeit gebunden. Es ist ein Modus, in dem sich Landschaft nicht zeigt – sondern dich zeigt. Manche würden sagen: ein Schweigen mit Erinnerung.

Wer hier von Sagen spricht, spricht nicht über Vergangenheit, sondern über Gegenwart ohne Beweislast. Das Antrische wird nicht gesucht, sondern bemerkt – beim Gehen, beim Schweigen, beim Nicht-Benennen.

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Ein Weg, der nicht ruft

Wir starteten in San Giacomo, direkt beim Bühelwirt. Kein Ort des Aufbruchs, eher ein stiller Übergang. Die Häuser ducken sich hier an die Hänge, als wollten sie nicht auffallen. Schon am Morgen hing der Nebel tief – nicht lose, nicht flatternd, sondern wie etwas, das da sein will. Nieselregen legte sich über Jacken, Rucksäcke und Stimmen, ohne Geräusch, aber mit Gewicht.

Lois Steger wartete am Parkplatz auf mich. Kein Wanderführer im klassischen Sinn – mehr eine Figur, die man ohne Erklärung versteht. Er stammt aus Kasern, dem letzten Dorf im Tal, aus einer großen Familie, tief verwurzelt in diesem Landstrich. Lois ist Künstler, Lehrer und Bergretter – aber das sagt wenig über das, was man wahrnimmt, wenn man mit ihm geht. Er organisiert seit Jahren das Gedenken am Krimmler Tauern, wo 1947 jüdische Flüchtlinge die Berge überquerten. Manche nennen ihn Aussteiger. Wer ihm begegnet, spürt eher Verbundener.

Wir gingen los, ohne viel zu reden. Der Pfad schlängelte sich durch nasses Gras, über dunkle Wurzeln, Richtung Hühnerspiel. Der Regen hatte keinen Klang, aber eine Präsenz. Der Nebel hing zwischen den Bäumen wie etwas, das nicht weichen, aber auch nichts verbergen wollte. Ich merkte erst nach einer halben Stunde, dass wir niemandem begegnet waren – und bis auf ganz wenige Stunden später sollte sich daran nichts ändern.

Baum mit Schild nach St. Jakob

Auf zum Hühnerspiel

Der Aufstieg begann sanft, dann zog er an. Die Luft roch nach Moos, Harz und nassem Stein. Manchmal hörte ich Wasser, ohne es zu sehen – verborgen unter Ritzen, über die man hinwegging, ohne sie zu bemerken. Lois sprach nicht viel, aber wenn er etwas sagte, war es kein Kommentar zum Wetter.

„Heute zeigt sich das Antrische so, wie es ist“, sagte er einmal und nickte nach vorne. Keine Pose, eher Feststellung.

Die Hühnerspielhütten tauchten erst auf, als wir knapp davorstanden – ein paar alte Hütten, halb Holz, halb Stein, geduckt in die Landschaft. Keine Stimmen, keine Farbe außer dem gedämpften Braun der Balken und dem Schwarzgrau des Dachs.

Kein Dorf, kein Weg, kein Horizont. Nur ein verschlucktes Draußen. Im gegenüberliegenden Tal ein Lichtfenster, umrandet mit dunklen Bergflanken.

Hühnerspiel Lois Steger Ahrntal antrisch
Lichtfenster Ahrntal antrisch

Während wir weiterzogen, entdeckte Lois etwas am Boden. Er bückte sich ohne Eile und hob einen kleinen gelben Pilz aus dem Moos. „Die ersten Pfifferlinge“, meinte er, als erzähle er von einer Begegnung. Einige weitere folgten – verstreut, leuchtend in einem Tag ohne Licht. Einige von ihnen landeten im Rucksack. Es wirkte so als würde sich Lois bei den Pfiffern bedanken, als er sie pflückte.

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Pfifferlinge im Ahrntal sammeln
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Wir gewannen weiter an Höhe. Lois blieb immer wieder an unscheinbaren Stellen stehen und deutete auf den Fels, als lese er darin. Zwischen Moos und Schiefer blitzten einzelne Mineraladern auf – graue Splitter, durchzogen von Glanz. „Hier haben sie früher geschürft“, sagte er leise. Nicht Bergwerksleute, sondern die, die man im Tal einst die Antrischen nannte – jene, die dorthin gingen, wo andere nicht hingehen wollten. Sie suchten Erz, Silber, Kupfer – nicht im großen Stil, sondern im Verborgenen. Manche sagten, sie fanden mehr als nur Gestein.

Der Wind zog schärfer herauf, steif und metallisch. Die Gipfel über uns trugen ein dünnes Weiß – im Juli, wie eine Vorwarnung. Kurz darauf fiel nasser, schwerer Schnee. Kein Gruß des Winters, sondern ein prüfender Blick. Als wollte der Berg wissen, ob wir uns sicher sind, hier weiterzugehen.

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Geschichten unter der Rinde

Der Weg zur Hollenz Alm führte über schmalere Pfade, durch Abschnitte, in denen der Boden wie aufgeweichtes Leder nachgab. Kleine Bäche zogen sich durch Rinnen, ohne Laut. Der Wald öffnete sich nicht, aber er wechselte seine Sprache. Fichten wichen Lärchen und Bergahornen, der Geruch wurde erdiger, mineralischer. Nebel stieg auf, senkte sich wieder, als atme er durch den tiefgrünen Farn.

Lois blieb einmal an einem Baum stehen, legte die Hand auf die Rinde. „Hier haben sie früher nicht vom Wald gesprochen“, sagte er. „Sie sagten vom Antrischen. Nicht aus Angst – aus Respekt.“

Er erzählte von den Sagen des Ahrntals: Von Gestalten, die keine Namen brauchten, von Orten, die nicht betreten, sondern nur passiert wurden, wenn man nicht störte. Von Frauen, die Lieder mitbrachten, die keiner kannte. Von Hirten, die barfuß gingen, nicht aus Armut, sondern aus Zugehörigkeit. Bei Lois klingt nichts erfunden – eher erinnert.

Auf der Hollenz Alm standen ein paar Kühe verstreut über den matschigen Weg, das Fell dunkel vom Regen, die Glocken gedämpft wie Stimmen hinter einer Tür. Kein Laut war überflüssig.

Die Wirtsleute begrüßten uns – kein überzogener Ton, nur ein Nicken, als gehörten wir einfach dazu. Die Kleidung dampfte langsam vor sich hin, während sie hausgemachte, herzhafte Teller auftrugen: Graukäse, Knödel, Krautsalat und Speck, dunkles Brot, so schlicht wie notwendig und so schwer, als hätte der Tag es genau so gewollt.

Drinnen roch es nach Holz, Rauch und Suppe – draußen nach Regen, Vieh und Erde. Die Grenze dazwischen war dünn.

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Steinerne Lawinenbrecher und ein Meer aus violetten Bergblüten – das Nebental unterhalb der Hollenz Alm zeigt, wie nah Zerstörung und Wiederkehr beieinanderliegen.

Der Rückweg führte nicht auf demselben Pfad zurück, sondern hinab durch eines der Nebentäler, das sich tiefer und enger in die Landschaft legte. Der Weg wurde kantiger, vom Regen dunkel getränkt, durchzogen von kleinen Wasserrinnen, die im Boden verschwanden. Die Landschaft begann sich zu öffnen.

Dann lagen sie plötzlich vor uns: gewaltige steinerne Lawinenbrecher, wie aufgeschichtete Mauern, quer über den Hang gelegt. Nicht kalt oder künstlich, sondern fast organisch – als hätte der Berg selbst sie geformt, um den Winter zu bändigen. In ihrem Schutz entfaltete sich etwas, das in dieser Stimmung fast unwirklich wirkte: ein Blumenmeer aus violetten Bergblüten, durchzogen von Grün und grauen Steinen, weit hinunter entlang des Weges.

Der Kontrast war still und überwältigend zugleich – oben dämmernde Gipfel und Schneeansatz im Nebel, darunter die Steinwälle, und davor diese Farben, als hätte der Sommer beschlossen, sich hier gegen alles Graue zu stemmen.

Lois blieb kurz stehen. „Hier hört man den Winter nach“, sagte er leise. Kein Pathos, keine Pose – nur eine Feststellung. Ich stellte mir vor, wie die Schneemassen im Frühjahr donnernd über diese Wälle krachen, sich stauen, brechen und zur Ruhe gezwungen werden – und wie nach ihnen diese Wiese wieder aufblüht, als bleibe nichts zurück außer Erinnerung.

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Wer mit der Landschaft verwachsen ist

Lois ging den Abstieg mit derselben Ruhe wie den Aufstieg. Kein Stolpern, kein Hetzen, kein Kommentar. Er ist keiner, der viel über sich sagt, aber man erfährt ihn im Gehen.

Er stammt aus Kasern, dort, wo das Tal endet und die Berge anfangen. Er ist Bergretter, was man nicht spürt, aber glaubt. Künstler und Lehrer, nicht als Berufstitel, sondern als Haltung. Dass er bei Gedenkmärschen über den Krimmler Tauern barfuß geht, ist kein Symbol, sondern Konsequenz. Wer ihn begleitet, merkt schnell: Er steigt nicht in die Berge – er kehrt in sie zurück.

Einmal blieb er kurz stehen, zog Schuhe und Socken aus und ging ein Stück barfuß über den nassen Waldboden. So erzählte er mir auch davon, dass er viele seiner Wanderungen barfuß macht. Nur Schritt, Atem, Erde.

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Was bleibt, bleibt im Hören

Als wir wieder bei den ersten Häusern von San Giacomo ankamen und der Bühelwirt aus dem Grau trat wie etwas Bekanntes, das man fast vergessen hatte, war der Tag nicht vorbei. Er war nur wieder hier.

Ich zog mir die nassen Schuhe aus und hörte dem Regen zu, der wieder nach Zivilisation klang. Zwischen den Falten meiner Hose klebte ein feines Stück Moos. In meiner Jackentasche lag ein kleiner Stein, den ich nicht bewusst aufgehoben hatte.

Ob ich das Antrische Toul gesehen habe, weiß ich nicht. Aber ich bin ihm begegnet.

Es ist kein Tal im geografischen Sinn. Es ist ein Zustand. Ein Zwischenraum. Ein Ort, an dem Südtirol nicht Kulisse ist, sondern Erinnerungsträger. Ein Fleck, an dem Sagen nicht Geschichte sind, sondern Gegenwart, die man spürt, wenn man nicht versucht, sie zu beweisen.


Benjamin Lamm
Benjamin Lamm
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