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9 Minuten Lesedauer

Einmal quer durch Schweden: Der Hanwag Kaduro Mid GTX hat abgeliefert!

250 Euro für einen Mid-Cut-Wanderschuh sind eine Ansage — vor allem, wenn der Hersteller damit ein Versprechen verbindet, das die halbe Branche seit Jahren gibt und selten einlöst: leicht sein, ohne instabil zu werden. Unser Hanwag Kaduro Mid GTX Test lief über drei schwedische Nationalparks, zwei Paar — Herren- und Damenmodell parallel — und ein Gelände, das den Schuh an drei völlig verschiedenen Stellen hätte auseinandernehmen können. Hat er nicht.

Die kurze Version: keine Blasen, keine Einlaufzeit, ab dem ersten Meter bequem. Die lange Version handelt von nassem Granit, von Bohlenwegen über Hochmoor und von Blockfeldern an der Hohen Küste — und davon, wo dieser Schuh trotzdem an eine Grenze stößt.

Hanwag Kaduro Mid GTX Test
In diesem Artikel

Was technisch im Kaduro Mid GTX steckt

Kern des Schuhs ist die Hanwag Bead-Technologie, eine mit BASF entwickelte Zwischensohle aus Polyurethan und e-TPU-Kügelchen: PU liefert Stabilität, die Beads geben beim Abrollen die Energie zurück, die sie beim Auftreten aufnehmen. Spürbar wird das im letzten Drittel eines langen Tages, nicht auf den ersten Kilometern.

Dazu eine Laufsohle aus Eigenentwicklung, deren Profil auf verzögerten Abrieb ausgelegt ist — genau der Punkt, an dem leichte Wanderschuhe sonst sterben. Ein unabhängiges Prüflabor hat im Auftrag von Hanwag nachgemessen: 1.609 Kilometer bis zum Verschleiß der Außensohle, gegenüber 724 und 764 Kilometern bei zwei EVA-basierten Trailrunning-Benchmarks. Die Dämpfung hält nach denselben Tests bis zu elfmal länger durch. Was diese Zahlen taugen und wie Hanwag daraus eine Rechnung von 0,14 Euro pro Kilometer ableitet, haben wir uns im Kaduro-Überblick angesehen. Unsere drei Wochen Schweden sind gegen 1.609 Kilometer ein kurzer Ausschnitt — aber die Sohle sah am Ende aus wie am Anfang.

Die GORE-TEX Invisible Fit Membran ist direkt mit dem Obermaterial verklebt statt als separate Lage eingezogen. Weniger Faltenwurf im Inneren, weniger Angriffsfläche für Druckstellen. Hanwag bewirbt das so — nach mehreren Wochen an zwei Füßen mit unterschiedlichem Trageprofil und null Blasen stimmt es auch.

Das Perwanger-Veloursleder aus Südtirol ist dabei kein Zugeständnis an die Optik. Leder nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab, puffert also das Klima im Schuh, statt es nur durchzulassen. Dazu kommen Abriebfestigkeit im Blockfeld und eine Lebensdauer, die Gewebe unter dieser Belastung nicht erreicht.

Gebaut wird der Kaduro Mid GTX bei Consors d.o.o. im nordkroatischen Donje Ladanje — seit 1999 Hanwags Partnerbetrieb, dort laufen auch die meisten Reparaturen. Die Sohle kommt vom italienischen Hersteller Frasson, das Leder aus Südtirol. Vierkirchen und das ungarische Werk bleiben Hanwags eigene Fertigungsstandorte. Wer 250 Euro ausgibt, darf wissen, wo sein Schuh gebaut wird — hier ist die Antwort ungewöhnlich transparent.

Hanwag Kaduro Mid GTX Wandern in Schweden
Wandern im Skuleskogen Nationalpark im Hochmoor
Schuhprofil Hanwag kaduro

Kosterhavets: Sand und nasser Granit im ständigen Wechsel

Der Nationalpark Kosterhavet an der schwedischen Westküste, der lange Zeit als einziger Meeresnationalpark Schwedens galt, ist kein Wandergebiet im klassischen Sinn — und genau deshalb ein guter Prüfstein. Seit September 2025 teilt er diesen Status übrigens mit dem Nämdöskärgården in den Stockholmer Schären, Schwedens 31. Nationalpark und dem ersten marinen Schutzgebiet in der Ostsee. Der Untergrund wechselt im Minutentakt: heller Sand, dann abgeschliffener Granit, oft feucht von Gischt oder Regen, dazwischen kurze Vegetationsinseln.

Zwei Dinge fielen auf. Erstens: Die Gummimischung greift auf nassem Fels zuverlässig, ohne dass man den Schritt bewusst absichern muss. Zweitens — und das ist der unterschätzte Punkt — setzte sich das Profil nicht mit Sand zu. Viele Sohlen mit engem Stollenabstand verwandeln sich am Küstenstrand in eine glatte Platte und verlieren beim nächsten Felsabschnitt exakt dann Grip, wenn man ihn braucht. Der Kaduro räumt sich selbst frei.

Wandern im Kosterhavets Nationalpark an den Schären
Kaduro Mid GTX Wanderschuhe am Sandstrand
Schären bei Kosterhavets Nationalpark mit Aussicht

Fulufjället: Moor, Bohlenwege und offenes Fjäll

Fulufjället stellt die entgegengesetzte Aufgabe. Statt ständigem Untergrundwechsel gibt es hier lange, gleichförmige Etappen: durchweichtes Hochmoor, kilometerlange Bohlenwege, dann offenes Fjäll ohne jeden Schatten und ohne Wegmarkierung außer Steinmännern.

Die GORE-TEX-Invisible-Fit-Konstruktion hielt dicht — erwartbar, aber nicht selbstverständlich, weil Moorwasser über den Schaftrand kommt, sobald man einen Tritt falsch setzt. Interessanter war das Verhalten auf nassem Holz. Bohlenwege in Schweden sind je nach Alter mit Algenfilm überzogen und die klassische Rutschstelle jeder Fjälltour. Der Kaduro blieb kalkulierbar, ohne dass wir den Schritt verkürzen mussten.

Und hier zeigte sich die Bead-Zwischensohle zum ersten Mal richtig: Die Dämpfung blieb über den gesamten Testzeitraum konstant. Kein Durchsitzen, kein Punkt, an dem sich der Schuh plötzlich hart anfühlte — der typische Verfall günstigerer EVA-Schäume nach ein paar hundert Kilometern.

Fulufjället Wandern zum Wasserfall
Wasserfall im schwedischen Nationalpark Fulufjället
Bachlauf im Schwedischen Nationalpark Fulufjället

Skuleskogen: Wurzeln, Blockfelder und zwei Gesichter der Hohen Küste

Skuleskogen an der Höga Kusten war der härteste Abschnitt — und der Park, den man je nach Einstieg in zwei völlig verschiedenen Schwierigkeitsgraden erlebt. Vom Westeingang aus ist es eine anspruchsvolle, aber gut machbare Waldwanderung. Vom Nordeingang aus wird es deutlich fordernder: verwurzelte Steilpfade, dazwischen Blockfelder, in denen man über Granitbrocken von Kühlschrankgröße steigt.

Technische Kletterei ist das nicht. Aber es ist das Gelände, in dem sich ein Schuh entscheidet: Entweder er führt den Fuß, oder das Sprunggelenk arbeitet den ganzen Tag gegen ihn.

Der Kaduro Mid GTX führte. Die Kombination aus Mid-Cut-Schaft und formstabilem Perwanger-Leder gibt seitlichen Halt, ohne die Abrollbewegung zu blockieren — der Unterschied zu einem steifen klassischen Trekkingstiefel ist deutlich spürbar. In den Blockfeldern gab die Sohlenkante auf Absätzen sauber Rückmeldung, die Zehenkappe steckte die unvermeidlichen Anstöße gegen Granit weg.

Ergänzt haben wir das Bild mit Abstechern zum Storforsen und zum Trollforsen sowie in den Nationalpark Stora Sjöfallet — nasse Felsplatten neben Stromschnellen und lappländisches Fjällgelände. Beides bestätigte, was die drei Hauptreviere gezeigt hatten.

Felsformation im Skuleskogen Nationalpark
Hanwag Kaduro Mid GTX am Bach
Wanderwege im Skuleskogen

Passform und Einlaufzeit

Der Punkt, an dem die meisten Lederschuhe ihre Rechnung präsentieren, ist die erste Woche. Hier nicht. Beide Paare waren ab dem ersten Meter bequem, in mehreren Wochen Dauereinsatz gab es keine einzige Blase — weder am Herren- noch am Damenmodell, und das bei zwei unterschiedlichen Fußformen und Trageprofilen.

Das ist bemerkenswerter, als es klingt. Perwanger-Veloursleder gilt als Material, das eine Anpassungsphase braucht. Der Kaduro umgeht das offenbar über die Leistenkonstruktion und den weicheren Zwischensohlenaufbau, nicht über dünneres Leder.

Als Referenz dient die Branchengröße 42: Dort wiegt der Kaduro Mid GTX rund 880 Gramm pro Paar, und dieser Wert hat sich bei uns bestätigt. Für einen Mid-Cut-Lederschuh ist das ein sehr guter Wert — klassische Trekkingstiefel dieser Kategorie liegen schnell 200 bis 300 Gramm darüber. Auf langen Etappen mit Tagesrucksack fühlt sich der Schuh spürbar leichtfüßiger an, als seine Optik vermuten lässt.

Trollforsen Felsformation Wandern in Schweden
Model am Fluss in Schwende Trollforsen
Hanwag Kaduro GTX Mid Damenmodell

Wo der Kaduro an Grenzen stößt

Kein Schuh ist für alles gebaut, und die Ehrlichkeit gehört zum Test dazu:

  • Veloursleder ist pflegeintensiv. Wer den Schuh nach nassen Touren nicht trocknen und regelmäßig imprägnieren will, kauft am eigenen Anspruch vorbei. Das ist kein Mangel, sondern eine Materialentscheidung — man sollte sie bewusst treffen.
  • Einmal komplett durchnässt, braucht das Leder Zeit. Wenn der Schuh von außen wirklich voll ist — Bachdurchquerung, Tag im Dauerregen — trocknet er langsamer als ein Synthetikmodell. Auf Mehrtagestouren ohne Trockenraum ist das einzuplanen.
  • Hanwag kategorisiert den Kaduro selbst als AB. Wander- und leichte Tourenkategorie, nicht schweres Trekking. Mit 20 Kilo auf dem Rücken über Wochen greift man zu einem steiferen, kräftiger gebauten Modell — der Kaduro ist für Tagesrucksack bis moderates Gepäck gebaut, und genau dort spielt er seine Stärken aus.
  • Wer echte Steigeisenfestigkeit braucht, ist hier grundsätzlich falsch. Der Kaduro ist ein Wander-, kein Bergstiefel.
Trollforsen Hängebrücke
Wandern mit dem Hanwag Kaduro Mid GTX
Urwaldfeeling in Schweden

Für wen sich der Hanwag Kaduro Mid GTX lohnt

  • Skandinavien-Touren mit wechselndem Untergrund — Küstenfels, Moor, Wurzelpfad und Blockfeld in derselben Woche, ohne Schuhwechsel
  • Fernwanderungen und Weitwandern — dazu gleich mehr, denn hier liegt das eigentliche Argument
  • Mehrtagestouren mit Gepäck, bei denen konstante Dämpfung über Stunden zählt und nicht die ersten zehn Kilometer
  • Alle, die keine Einlaufzeit einplanen können oder wollen — etwa bei kurzfristig angesetzten Reisen
  • Leute mit Anspruch an Reparierbarkeit und europäische Fertigung, die dafür auch Pflegeaufwand akzeptieren

 

Der Fernwanderfall

Die 1.609 Kilometer aus dem Labortest sind keine abstrakte Zahl, sondern eine Fernwander-Kennziffer. Wer den Pacific Crest Trail läuft, legt 4.265 Kilometer zurück und verbraucht dabei im Schnitt 4,8 Paar Schuhe — meist Trailrunner, die nach wenigen Wochen durch sind. Mit der Standzeit des Kaduro wären es rechnerisch weniger als drei Paar.

Das ist genau das Klientel, für das Hanwag diese Serie gebaut hat: Leute, die leicht unterwegs sein wollen, aber nicht alle paar Monate ein neues Paar brauchen. Für Weitwanderungen mit leichtem bis moderatem Gepäck ist der Mid GTX deshalb keine Notlösung, sondern die naheliegende Wahl — der höhere Schaft hält über Wochen genau das raus, was auf langen Etappen nervt: Sand, kleine Steine, Spritzwasser.

Wer ausschließlich markierte Tagesrouten im Mittelgebirge geht, kommt mit dem Kaduro Low GTX oder dem Light GTX aus — dieselbe Sohlentechnologie, weniger Gewicht, etwas günstiger.

Wer die Serie im Ganzen vergleichen will: Light, Low und Mid GTX, Labordaten und Lieferkette stehen im Hanwag Kaduro Überblick.

Wandern im Skuleskogen Nationalpark
Handwag Kaduro Mid GTX Schuhpflege nach der Wanderung
Pilz in Schweden rote Kappe Speitäubling

Fazit

Der Hanwag Kaduro Mid GTX gehört zu den wenigen Schuhen, bei denen das Herstellerversprechen und die Praxiserfahrung deckungsgleich sind. Leicht, bequem, stabil — drei Adjektive, die in fast jedem Katalogtext stehen und die dieser Schuh über drei Nationalparks und mehrere Wochen tatsächlich eingelöst hat. Keine Blasen, keine Einlaufzeit, konstante Dämpfung bis zum Schluss.

Die Kritikpunkte betreffen nicht die Performance, sondern die Rahmenbedingungen: Pflegeaufwand, Trocknungszeit nach kompletter Durchnässung, eine klar abgesteckte Einsatzkategorie. Wer damit leben kann und Terrain wie das schwedische vor sich hat, findet aktuell kaum eine bessere Option in dieser Kategorie.

Anmerkung der Redaktion:

Die Testschuhe wurden uns von Hanwag zur Verfügung gestellt. Auf das Testergebnis hatte der Hersteller keinen Einfluss.

Technische Daten


  • Hersteller:

    Hanwag

  • Modell:

    Kaduro Mid GTX

  • Kategorie:

    Halbhoher Wanderschuh (Mid Cut), Hanwag-Kategorisierung AB

  • Obermaterial:

    Perwanger Veloursleder (Südtirol), Cordura, Synthetik

  • Membran:

    GORE-TEX Invisible Fit, ePE-Membran, frei von zugesetzten PFAS

  • Zwischensohle:

    Hanwag Bead-Technologie (PU + e-TPU), entwickelt mit BASF

  • Laufsohle:

    Hanwag-Eigenentwicklung, verzögerter Profilabrieb

  • Schutz:

    TPU-Zehenkappe, Hinterkappe aus PU-Veloursleder

  • Gewicht:

    ca. 880 g/Paar (Gr. 42)

  • Größen:

    EU 40–48,5 (Herren) · EU 36–43 (Damen)

  • Reparatur:

    Neubesohlbar

  • Haltbarkeit:

    1.609 km Außensohle im Labortest (Benchmarks: 724 / 764 km) · 0,14 € pro Kilometer

  • Fertigung:

    Consors d.o.o., Donje Ladanje, Kroatien · 100 % Made in Europe

  • UVP:

    250,00 Euro


Häufige Fragen zum Hanwag Kaduro Mid GTX

Wie schwer ist der Hanwag Kaduro Mid GTX?

Rund 880 Gramm pro Paar in der Referenzgröße 42. Für einen Mid-Cut-Schuh mit Lederobermaterial ist das ein sehr guter Wert, klassische Trekkingstiefel liegen deutlich darüber.

Muss man den Hanwag Kaduro Mid GTX einlaufen?
Nein. In unserem Test waren beide Paare ab dem ersten Meter bequem, eine Einlaufphase war nicht nötig und es traten keine Blasen auf.
Ist der Hanwag Kaduro Mid GTX wasserdicht?
Ja. Die GORE-TEX-Invisible-Fit-Membran ist direkt mit dem Obermaterial verbunden und hielt auch in durchweichtem Hochmoor dicht.
Was ist die Hanwag Bead-Technologie?
Eine gemeinsam mit BASF entwickelte Zwischensohle aus Polyurethan und e-TPU-Kügelchen. PU liefert Stabilität, die Beads nehmen Aufprallenergie auf und geben sie beim Abrollen zurück.
Wo wird der Hanwag Kaduro Mid GTX hergestellt?
Die Fertigung erfolgt in Kroatien bei Consors d.o.o. in Donje Ladanje. Vierkirchen bei München ist Firmen- und Entwicklungssitz von Hanwag, nicht der Produktionsort dieses Modells.
Was kostet der Hanwag Kaduro Mid GTX?
Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 250 Euro. Im Handel liegen die Straßenpreise je nach Farbe und Größe darunter.
Für welches Gelände eignet sich der Kaduro Mid GTX?
Für gemischtes Terrain mit wechselndem Untergrund: nasser Fels, Moor, Bohlenwege, Wurzelpfade und Blockfelder. Für hochalpine Touren mit Steigeisenbedarf ist er nicht ausgelegt.
Ist der Hanwag Kaduro Mid GTX neubesohlbar?
Ja. Hanwag besohlt nach eigenen Angaben rund 20.000 Paar Schuhe pro Jahr neu, die Reparatur läuft über das Werk in Donje Ladanje. Zu beachten: Das neue Sohlenpaket wird immer in Schwarz ausgeliefert, unabhängig von der ursprünglichen Farbe.
Wie unterscheidet sich der Mid GTX vom Kaduro Low GTX?
Der Mid GTX hat einen höheren Schaft und damit mehr seitliche Führung im Sprunggelenk. Sohle und Bead-Zwischensohle sind identisch, der Low GTX ist leichter und günstiger.
Welche Pflege braucht das Perwanger-Veloursleder?
Nach nassen Touren langsam bei Raumtemperatur trocknen, nicht an der Heizung. Regelmäßig mit einem für Veloursleder geeigneten Imprägniermittel behandeln, um Wasseraufnahme und Materialermüdung zu begrenzen

Autor Benjamin Lamm
Benjamin Lamm
Fotos: © WYLDMAGAZIN