Die Uhrmacher des Radsports – die Schweizer Fahrradmarke BMC
Vor vierzig Jahren montierte man in Grenchen fremde Fahrräder. Heute entwickelt BMC dort Zeitfahrmaschinen für die Grand Tours und Gravelbikes für Reifen von mehr als fünf Zentimetern Breite. Ein Porträt der Schweizer Fahrradmarke: ihre Geschichte, ihre Bikes und die Frage, für wen sie eigentlich baut.

Der Auftrag: drei Prozent
Die Bitte kam ohne Umschweife. Als das Tudor Pro Cycling Team bei BMC anfragte, wollte es ein Zeitfahrrad, das drei Prozent schneller ist. Nicht auf dem Papier, sondern im Rennen, bei der Tour de France und beim Giro d’Italia, wo Sekunden über Etappensiege entscheiden. Die Ingenieure im Impec Lab in Grenchen fingen bei null an. Sie simulierten Luftströmungen am Rechner, bauten modulare Prototypen aus dem 3D-Drucker, schickten sie in den Windkanal und auf die Bahn eines Velodroms. Heraus kam ein Rahmen, der den Luftwiderstand des Gesamtsystems um 4,1 Prozent senkte.
Dann schrieb der Weltverband UCI zur Saison 2026 neue Regeln. Innerhalb weniger Wochen modellierten Tudors Innovationsabteilung und die BMC-Ingenieure die Plattform neu, bauten und testeten erneut. Übrig blieben 3,7 Prozent. Die Zahl steht heute auf der Startseite der Marke, und sie sagt mehr über dieses Unternehmen als jeder Slogan: In Grenchen wird gemessen.
Die Timemachine Mpc – das Kürzel steht für Masterpiece, BMCs aufwendigstes Fertigungsverfahren – ist kein Rad für die Sonntagsrunde. BMC beschreibt sie selbst als reine Rennmaschine, entwickelt für eine kleine Gruppe von Profis. Tudor fährt sie seit Beginn der Saison. Im September gewann Stefan Küng für das Schweizer Team das Einzelzeitfahren der Vuelta über 32,1 Kilometer nach Jerez de la Frontera, mit wenigen Sekunden Vorsprung. Einige Tage zuvor hatte sein Teamkollege Marco Brenner die Bergankunft an der Sierra de La Pandera gewonnen, derselbe Brenner, der im August schon die Polen-Rundfahrt für sich entschieden hatte.
Eine Montagefirma in der Uhrenstadt
Grenchen liegt am Jurasüdfuß im Kanton Solothurn. Wer den Namen hört, denkt in der Schweiz eher an Uhrwerke als an Fahrräder. Die Geschichte von BMC beginnt hier 1986, und sie beginnt unspektakulär. Bob Bigelow gründete eine Firma, die Räder der britischen Marke Raleigh für den Schweizer Markt zusammenbaute. Die drei Buchstaben standen damals für Bigelow Mounting Company, wörtlich also für einen Montagebetrieb.
Als die Raleigh-Lizenz verloren ging, machte Bigelow aus der Not eine Marke. 1994 trat BMC erstmals unter eigenem Namen auf, später bekamen die Initialen ihre heutige Bedeutung: Bicycle Manufacturing Company. Um die Jahrtausendwende kannte man BMC in der Schweiz vor allem für Mountainbikes mit einem eigenen Dämpfungssystem. Die Händler mochten die Räder, die Bilanz sah weniger gut aus. Die Firma schrieb rote Zahlen.

Der Porsche unter den Rennrädern
Die Wende brachte Andy Rihs. Der Unternehmer war Miteigentümer des Hörgeräteherstellers Phonak und finanzierte dessen Radsportteam. Um die Jahrtausendwende übernahm er BMC, und er formulierte ein Ziel, das die Firma bis heute zitiert: den „Porsche unter den Rennrädern“ zu bauen.
Was folgte, war ein steiler Weg für eine kleine Marke. 2002 entwickelte BMC die erste Teammachine für die Phonak-Profis. Ein Jahr später gingen die ersten Räder ins Ausland. 2004 standen BMC-Räder erstmals bei der Tour de France am Start, darunter das Zeitfahrrad Timemachine TT01 und das Straßenrad Promachine SLC01. 2005 folgte der erste Etappensieg, 2006 ein Red Dot Design Award für die Promachine. Parallel wuchs das Mountainbike-Programm, mit dem Fourstroke als vollgefedertem Rennrad fürs Gelände.
Rihs dachte wie ein Industrieller. In Grenchen ließ er eine eigene Carbonfertigung aufbauen, 2010 ging dort eine automatisierte Produktionsstraße für den Impec-Rahmen in Betrieb. Die Idee dahinter: Toleranzen verkleinern und Handarbeit dort ersetzen, wo sie Fehler erzeugt. Aus dieser Keimzelle wurde das Impec Lab, die Entwicklungsabteilung, die heute rund 500 Meter vom Hauptsitz an der Sportstrasse entfernt arbeitet. Konzept, Prototyp und Test liegen dort in einer Hand, ohne dass Zulieferer dazwischengeschaltet sind.
Auch die Radrennbahn der Stadt geht auf Rihs zurück. Das Velodrome Suisse, heute Tissot Velodrome, wurde 2013 eröffnet. Rihs leitete die Stiftung, die es baute, und steuerte zwei Millionen Franken bei. 2018 starb er im Alter von 75 Jahren. Bei BMC nennt man ihn bis heute einen Visionär.
BMC Switzerland AG
Sportstrasse 49, 2540 Grenchen
Tissot Velodrome
Neumattstrasse 25, 2540 Grenchen
Gelb in Paris, Gold in Rio
Die sportliche Bilanz dieser Jahre liest sich wie ein Abriss der jüngeren Radsportgeschichte. Von 2007 bis 2018 war BMC Hauptsponsor und Ausrüster des BMC Racing Teams. 2011 gewann Cadel Evans auf einer Teammachine die Tour de France, ein Jahr später wurde Philippe Gilbert Straßenweltmeister. Greg Van Avermaet holte 2016 in Rio olympisches Gold im Straßenrennen, 2017 gewann er Paris–Roubaix.
Im Gelände prägte der Franzose Julien Absalon 2014 und 2015 die Cross-Country-Rennen, Jordan Sarrou wurde 2020 auf dem Fourstroke 01 Weltmeister. Eine der schönsten Geschichten spielt 2021 in Tokio. Tom Pidcock stand auf der Straße bei einem Team unter Vertrag, dessen Ausrüster kein Mountainbike im Programm hatte. Er gewann olympisches Gold auf einem Fourstroke ohne Schriftzug. BMC erwähnt das auf seiner Website mit einem Augenzwinkern: Das Rad sei offiziell gar nicht eingeladen gewesen.
2022 gewann Pauline Ferrand-Prévot die erste Gravel-Weltmeisterschaft auf dem gerade vorgestellten Kaius. Im selben Jahr siegte Chelsea Sodaro bei der Ironman-WM auf Hawaii. Seit 2023 arbeitet BMC mit Tudor Pro Cycling zusammen, dem Team des früheren Zeitfahrweltmeisters Fabian Cancellara. 2025 kehrte die Marke mit Tudor zur Tour de France zurück. Im Mountainbike-Weltcup tritt seit 2024 ein eigenes Factory-Team an, zu dem Sarrou zurückkehrte und 2025 die Französin Loana Lecomte stieß.
Für wen baut BMC?
Die Preisliste beantwortet die Frage zum Teil. Die Spanne reicht von 2.499 Euro für die günstigste Teammachine bis 15.999 Euro für das Triathlonrad Speedmachine 01 ONE. BMC zielt auf Menschen, die ihr Rad als Sportgerät begreifen: Amateure, die Radmarathons und Jedermannrennen fahren, Triathletinnen, Gravel-Racer, Cross-Country-Fahrer. Das Fachportal Rennrad-News beschrieb die aktuelle Teammachine als Rad für sportlich Ambitionierte und Rennfahrer. Beim neuen Kaius wird der Tester noch deutlicher: Bikepacker und Genussfahrer sollten sich besser anderswo umsehen.
Anderswo heißt bei BMC allerdings: im eigenen Programm. Das URS, seit 2019 auf dem Markt, ist das Gravelbike für lange Touren über groben Schotter. Es trägt einen Schweizer Vornamen, der auf das lateinische Wort für Bär zurückgeht. Elastomere in den Sitzstreben geben am Heck zehn Millimeter Federweg frei, je nach Version kommt eine Federgabel mit 20 Millimetern dazu. Die 2025 vorgestellte Generation hat ein Staufach im Unterrohr und Ösen für Gepäckträger, Schutzbleche und Nabendynamo. Sie beginnt bei 3.799 Euro, als URS AMP LT gibt es sie auch mit Motor. Für lange Tage auf Asphalt bleibt die Roadmachine, das komfortbetonte Endurance-Rennrad.
Wer in Deutschland ein BMC-Komplettrad kauft, tut das beim Fachhändler. Online verschickt BMC direkt nur Teile, Zubehör, Bekleidung und ausgewählte Rahmensets. Die Garantie auf den Rahmen beträgt drei Jahre, wer ihn innerhalb von sechs Monaten registriert, bekommt fünf. Nach einem Sturz bietet BMC für bestimmte Modelle einmalig einen Ersatzrahmen mit 40 Prozent Rabatt auf den Listenpreis an.

Das BMC-Gefühl
Eine Zahl taucht in keiner Kampagne auf, obwohl sie vielleicht die wichtigste ist: 72 Millimeter. So groß ist der Nachlauf, den BMC bei seinen Rennrädern anstrebt, weil er für das typische Lenkverhalten der Marke sorgt. Beim neuen Kaius passen die Ingenieure dafür den Lenkwinkel an die Rahmengröße an, damit jedes Rad auf denselben Wert kommt. Man könnte von Uhrmachergeduld sprechen. Drei Komma sieben Prozent für die Profis, 72 Millimeter für alle anderen: Vierzig Jahre nach der ersten Montagehalle arbeitet BMC in Grenchen noch immer am Detail.






