Land der Wiedergeburt: Zu Gast im Siwash Lake Wilderness Resort – nach dem großen Feuer

Im Sommer 2017 fraß sich das Elephant Hill Fire durch knapp 192.000 Hektar im zentralen British Columbia. Bis an die Pferdekoppeln des Siwash Lake Wilderness Resort zwischen Vancouver und den Rockies. Wer heute durch diese Landschaft reitet, sieht wie sich das Leben zurückkämpft.
Es war kurz nach drei am Nachmittag, als die Tiere nicht mehr fortrannten. Sie kamen näher. Hasen drängten sich an Pferdebeine, Bären trotteten neben Raufußhühnern, so die Erzählungen – einer der Feuerwehrmänner schwört bis heute, er habe einen Elch gesehen. Die kahle Wiese am Siwash Lake, von den Pferden in den Tagen zuvor bis auf die Wurzel abgeweidet, wurde an jenem Augustnachmittag 2017 zur Arche im Inferno. Niemand fraß, niemand jagte, niemand floh weiter. Hinter ihnen, in den Kronen der Douglasien, raste eine Walze aus Glut. Vierhundert Jahre alte Bäume verglühten in Minuten. Forstleute sagen heute, es könne hundert Jahre dauern, bis diese Baumart wieder dort wachse, wo sie zuvor gestanden habe.
Marshall Rogers, der Sohn der Hausherrin, kann sich nicht erinnern, dass ihm heiß gewesen wäre. Dabei rannte er stundenlang von einem Brandherd zum nächsten. Über ihm trieb der Sturm glühende Holzkohlen vor sich her – jede einzelne in der Lage, das Blockhaus in Flammen zu setzen, das seine Mutter so mühsam errichtet hatte. Die professionellen Feuerwehrleute, die die Familie engagiert hatte, würden später sagen: Es war das schlimmste Feuer ihrer Laufbahn. Hier kroch das Feuer nicht nicht am Boden. Es fegte übers Land. Die Flammen schossen in die Wipfel, jeder Baum wurde zum riesigen Streichholz.


Acht Jahre später, ein Tee am Kamin
In der geretteten Lodge knacken Holzscheite. Allyson Rogers, schmal, beharrlich, sitzt mit ihrem erwachsenen Sohn und einer Gruppe Journalisten beim Tee. Draußen liegt der See ruhig zwischen den Hügeln, die Pferde sind wieder in der Koppel. Die Wangen der Zuhörer sind noch gerötet vom Ausritt durch flirrend goldene Pappelhaine, vorbei an verkohlten Stämmen, die wie Figuren von Giacometti am Wegrand stehen. Es gibt einen Begriff, den die Indigenen der Secwepemc-Nation für das benutzen, was nach einem Waldbrand passiert: Rebirth. Wiedergeburt. Allyson hat ihn übernommen, weil er trifft, was hier in den vergangenen Jahren geschehen ist.
Das Siwash Lake Wilderness Resort & Ranch liegt auf halbem Weg zwischen Vancouver und den Rocky Mountains, im Cariboo, einer der am dünnsten besiedelten Gegenden der Welt. Rechnerisch hat hier jeder Einwohner mehr als einen Quadratkilometer für sich allein. Wer dorthin will, fährt zunächst Stunden auf dem alten Goldrausch-Highway, biegt dann auf eine Schotterpiste, die noch einmal 45 Minuten Allradantrieb verlangt. Erst seit den Goldfunden der 1860er-Jahre gehört die Region in europäische Karten – davor lebten hier über Jahrtausende die Secwepemc. Als der Goldrausch versickerte, blieben einige der Eingewanderten und schlugen sich als Trapper, Holzarbeiter, Rancher durch. Die Holzwirtschaft prägt das Hinterland bis heute.


Eine Frau, ein Stück Land
Allyson Rogers verbrachte ihre schönsten Kindheitswochen hier, auf dem Rücken eines Pferdes. Ihr Vater war einer der Mitbegründer von Outward Bound – das Vertrauen ins Draußen war Familienkultur. Trotzdem ging sie zunächst in die Stadt, lernte als Physiotherapeutin, arbeitete im Wellness-Sektor, lebte zeitweise auf Yachten in der Karibik – wo sie unter anderem lernte, in winzigen Bordküchen aufwendig zu kochen. Mit Ende zwanzig kehrte die Sehnsucht nach den Wäldern Cariboos zurück. Sie nahm ihr Erspartes, suchte sich ein Stück Land, das im Besitz japanisch-kanadischer Erben war, deren Vorfahren nach dem Zweiten Weltkrieg aus Internierungslagern kommend in der Gegend Holzgeschäfte aufgebaut hatten. Schritt für Schritt errichtete sie eine Ranch. In den frühen Neunzigern empfing sie die ersten Gäste, 2001 traf sie Roy Grinder, ein Mitglied der Esk’etemc-Nation, der zu einem prägenden Begleiter wurde. Heute leitet sie den Betrieb mit ihrem erwachsenen Sohn. Ein Familienunternehmen, im Wortsinn.

Der 6. Juli 2017
Das Feuer begann am Abend des 6. Juli, etwa zweieinhalb Kilometer südwestlich der Kleinstadt Ashcroft, gut vierzig Kilometer Luftlinie von der Ranch entfernt. Die Voraussetzungen waren in jenem Sommer exzellent für eine Katastrophe: trockene Wälder, hohe Temperaturen, niedrige Luftfeuchtigkeit. Hinzu kam der Bergkiefernkäfer, der nordamerikanische Verwandte des deutschen Borkenkäfers – er hatte in den Jahren zuvor ganze Hänge in Totholz verwandelt, perfekten Brennstoff.
Die wahrscheinlichste Brandursache laut spätem Bericht des BC Wildfire Service: weggeworfenes Rauchgut. Eine Zigarette, die jemand in der Nähe einer Eisenbahnstrecke über dem Thompson River nicht ausgetreten hatte. Ermittelt wurde die verantwortliche Person nie. Innerhalb eines Tages wuchs der Brand auf tausend Hektar. Innerhalb einer Woche rief die Provinzregierung den Notstand aus. Im Sommer 2017 wurden 65.000 Menschen in British Columbia evakuiert; das Elephant Hill Fire allein verschlang am Ende 191.865 Hektar. 123 Gebäude verbrannten, ganze Siedlungen wie Boston Flats wurden ausgelöscht. Erst am 27. September, nach 83 Tagen, war es vollständig unter Kontrolle.
Eine Studie von Environment and Climate Change Canada wies später nach, dass der menschengemachte Klimawandel die in jenem Sommer verbrannte Fläche um den Faktor sieben bis elf vergrößert habe. In den Tagen vor der Feuerwalze hatten Allyson, Marshall, ein paar enge Mitarbeiter und ein kleiner Trupp Feuerwehrleute die Ranch gewappnet: Hunderte Meter Schläuche verlegt, Pumpen am See installiert, das Terrain vernässt, Schneisen gerodet, Satellitenbilder gelesen, den Brand studiert. Die Wiese vor der Lodge ließen sie von den Pferden bis auf die Wurzel abgrasen, damit das Feuer keinen Boden fand. Sie waren so gut vorbereitet, wie man auf etwas vorbereitet sein konnte, das es so seit Jahrhunderten nicht gegeben hatte.
Gegen sechs Uhr abends wurde es wieder hell. Die Pavillons mit Leinwanddach am gegenüberliegenden Hügel waren verloren, ebenso die ursprünglichen Glamping-Zelte. Aber das Hauptgebäude stand. Der Stall stand. Die Pferde lebten. „Wir haben kein einziges Tier verloren“, sagt Allyson, „Gebäude ja, Tiere nein.“ Sogar die Schweine hatten überlebt – nur ihr Zaun war abgebrannt, weshalb sie noch tagelang frei umherliefen.

Die graue Zeit
Das Schlimmste, sagt sie, kam danach. Wochen, in denen die Asche knirschte. Forstleute sagten ihr, hier werde nichts mehr wachsen, jedenfalls nicht in einem Menschenleben. Die Buchungen für die folgende Saison stornierten sich von selbst, viele Gäste verlangten ihr Geld zurück. Der Winter war hart und still. Allyson und Marshall begannen zu recherchieren, wie sie diesem ausgebrannten Ökosystem helfen könnten – ein zähes Selbststudium der Fire Ecology, das heute in jede ihrer Wanderungen mit Gästen einfließt.
Dann, eines Vormittags Anfang des nächsten Jahres, fuhr Allyson auf der Schotterpiste hinaus. Am Wegrand etwas Grünes. Sie hielt an, stieg aus. Pappelsprossen, ihre ersten. Wenig später tauchte das auf, was die Engländer Fireweed nennen: das schmalblättrige Weidenröschen, eine Pionierpflanze, die nach Bränden zuerst siedelt. In Deutschland heißt es Trümmerblume, weil es nach 1945 die Schuttflächen Berlins, Dresdens, Hamburgs eroberte. Es wird mannshoch und blüht in einem Pink, das so unverhältnismäßig schön ist, dass man kurz nicht weiß, ob man jubeln oder weinen soll. Im September, zu der Zeit, da wir die Ranch besuchen, ist das Fireweed schon verblüht. Aber auch die fluffigen Samenstände sind anrührend, wenn sie sich buschig-weiß gegen das Schwarz der Kohle abheben.



Schwarz, Pink, Gold, Grün
Heute, knapp neun Jahre nach dem Feuer, ist die Landschaft um den Siwash Lake eine Komposition aus diesen vier Farben. Verkohlte Stämme – die Einheimischen nennen sie snags, also Treibgut, stehende Tote – flankieren junge Pappelhaine. Wo Pferde galoppieren, schlagen die Fireweed-Stängel an die Steigbügel. Der schwarze Wald ist nicht Verlust, sondern eine andere Form von Wald. In ihm wachsen Morcheln, die in der Ranchküche landen.
Die Reitstunden hier folgen einem Konzept, das die Familie „SiwashSynergy“ nennt. Das Pferd ist nicht Beförderungsmittel, sondern Gegenüber. Allyson zeigt es vor: die Hand mit der Striegelbürste auf der Kruppe, also auf dem hinteren Rücken, anatomisch zuständig für die Schubkraft, dann mit dem Oberkörper eng am Schweif einmal um die Hinterhand des Tieres herumwandern. Wer das zum ersten Mal macht, hält die Luft an. Pferde sind groß, und in der menschlichen Vorstellung schlagen sie aus. „Es tritt nicht“, sagt Allyson, „es spürt, wo du bist.“ Man murmelt etwas Aufmunterndes, hält den Fellkontakt, und tatsächlich: Man überlebt. Danach darf man selbst satteln.
Die Ranch deckt rund neunzig Prozent ihres Strombedarfs aus Solaranlagen. Internet kommt über Starlink ans Hauptgebäude; in den Glamping-Zelten am Hang gibt es bewusst kein WLAN, dafür Dachfenster, durch die man vom Bett aus den Sternenhimmel anschaut. Das zero food waste-Prinzip ist streng – das Gros der Zutaten stammt aus eigenen Gemüsebeeten, von den eigenen Hühnern, aus Wäldern und Bächen ringsum. Maximal 12 bis 16 Gäste sind gleichzeitig hier – oft sind es weniger. Wer nach dem Feuer als einer der Ersten zurückkam, hat nicht nur einen Platz im Herzen der Familie, sondern auch lebenslange Vorzugskonditionen.







Eine letzte Zugabe
Am letzten Abend öffnet sich die Tür der Lodge. Drei Musiker treten ein, setzen sich an den Kamin. Die Blue Wranglers, Freunde des Hauses, leben nicht weit entfernt, Nachbarn, so zwei Stunden Fahrt mit dem Pickup, haben Mandoline, Mundharmonika, Geigen und Gitarren mitgebracht. Sie spielen Country, Folk, alte Balladen aus den Hügeln Cariboos.
Es ist kein Konzert, eher ein Wohnzimmertreffen, bei dem die Köchin in der Tür lehnt und der Hund neben dem Geigenkasten einschläft. Als der letzte Ton der letzten Zugabe verklungen ist, denkt man kurz, dass es schade ist, dass niemand mitgeschnitten hat. Aber dann fällt einem ein, dass das vielleicht der Punkt ist.
Die Trümmerblume in Berlin verschwand irgendwann wieder, sobald andere Pflanzen Boden gewinnen, weicht sie zurück. Auch hier am Siwash Lake wird der pinke Teppich kleiner werden, Jahr für Jahr. Wahrscheinlich werden Marshalls künftige Kinder einmal in einem ganz anderen Wald aufwachsen als dem, durch den ihr Vater an jenem Augustnachmittag rannte. Eines aber bleibt: Das Feuer kam, die Familie blieb. Und auf der schwarzen Erde wuchs etwas – neues Leben entstand.



Siwash Lake Wilderness Resort & Ranch
Der nördlichste Punkt von Skye ist Rubha Hunish – ein Vorgebirge, das mit einem zerklüfteten Saum aus Felsen ins Wasser hinausragt. Auf den Klippen über dieser Landzunge steht eine kleine Hütte namens „Lookout Rubha Hunish“.



