Camping-Boom in Europa

Camping in Europa legt nach: Viertes Rekordjahr in Folge. 44,7 Millionen Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen, europaweit 413 Millionen. Camping wächst um 4,2 Prozent – die Hotellerie stagniert.
So viele Menschen wie noch nie haben 2025 auf deutschen Campingplätzen übernachtet. Das Wachstum liegt bei 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr – während die Hotellerie im gleichen Zeitraum ein Minus von 0,4 Prozent hinnehmen musste. Der Unterschied ist nicht dramatisch. Aber er ist symptomatisch. Camping macht inzwischen 13,4 Prozent aller touristischen Übernachtungen in der EU aus – und wächst seit 2015 mit 28,5 Prozent deutlich schneller als Hotels mit 23,4 Prozent.
Die Zahlen, die alles sagen
2025 verbrachten Menschen in der Europäischen Union insgesamt 413 Millionen Nächte auf Campingplätzen, in Wohnmobilparks und auf Stellplätzen. Frankreich dominiert mit 154 Millionen Nächten – mehr als ein Drittel des gesamten EU-Volumens. Dahinter folgen Spanien mit knapp 50 Millionen, Italien mit 49 Millionen und Deutschland mit 45 Millionen auf Platz vier.
Quelle: Eurostat
Was wirklich hinter dem Camping Boom steckt
Corona hat den Campingurlaub in Europa beschleunigt, aber nicht erfunden. Der Anstieg beginnt früher – und er hat strukturelle Gründe.
Was früher nach Bundeswehrzelt und Dosenfraß klang, hat sich grundlegend verändert. Rooftop-Tents auf dem Geländewagen, ausgebaute Vans mit Standheizung und Kaffeemühle, komfortabel ausgestattete Wohnmobile, die mehr Wohnqualität bieten als manche WG-Bude. Das Produkt ist besser geworden. Aber das allein erklärt den Boom nicht.
Die eigentliche Verschiebung ist eine in den Köpfen. Nach Jahren der Instagram-Optimierung, der durchgetakteten All-inclusive-Urlaube und der Hotel-Lobbys ohne Seele wächst bei vielen Menschen ein stilles Unbehagen. Das Bedürfnis nach Echtheit. Nach Unverplantheit. Nach dem Erlebnis, das nicht im Reiseführer steht – weil es sich spontan ergibt, weil man gerade dort steht, weil der Abend so geworden ist, wie kein Algorithmus ihn hätte empfehlen können.
Ein Lagerfeuer braucht kein WLAN. Ein Sonnenaufgang am See braucht kein Frühstücksbuffet. Und die Unterhaltung am Abend entsteht durch die Menschen nebenan – nicht durch einen Entertainmentkanal.
Dazu kommt eine neue Zielgruppe. Camping in Europa ist längst kein Seniorenthema mehr. Menschen in ihren Dreißigern, junge Familien, Paare ohne Interesse am Pauschalurlaub – sie alle haben Camping in den letzten Jahren für sich entdeckt. Was sie mitbringen: höhere Ansprüche, mehr Budget und die Bereitschaft, für das richtige Erlebnis zu zahlen. Nachhaltigkeit spielt dabei eine echte Rolle. Campingurlaub bedeutet kurze Anreise, kein Flug, keine anonyme Hotelkette – nicht aus Verzicht, sondern aus Überzeugung.


Der August als kollektives Phänomen
118 Millionen Nächte allein im August 2025 – das ist der europäische Camping-Peak. Familien, Paare, Solo-Reisende, Rentner mit Wohnmobil und Twentysomethings mit Dachzelt: Für einen Monat im Jahr zieht sich ein großer Teil der Gesellschaft auf Campingplätze und Stellplätze, in Nationalparks und auf Wiesen am Fluss.
Was dabei entsteht, verhindert das Hotel strukturell. Das Gespräch über den Zaun, das sich unerwartet bis Mitternacht zieht. Die geteilte Flasche Wein. Das gemeinsame Staunen über das Gewitter, das gerade über den Bergen aufzieht. Camping schafft Begegnungen, weil es eine gemeinsame Feuerstelle gibt.
Vom Zelt zum Glamping-Dom
Campingurlaub in Europa war lange eine Kategorie. Heute ist es ein Ökosystem. Auf der einen Seite steht der klassische Campingplatz mit Stellplatz, Strom und Gemeinschaftsbad. Auf der anderen Seite Safari-Zelte mit Holzboden und Freistehbadewanne, Baumhäuser mit Designbett, Container-Suites mit Panoramafenster auf den Wald. Glamping erschließt eine Zielgruppe, die nie auf einem Campingplatz übernachtet hätte – und verbreitert damit die Basis des gesamten Markts. Der Preisdurchschnitt steigt mit.
Vanlife hat sich parallel als eigene Subkultur etabliert. Kompakte Campervans, selbst ausgebaute Transporter, Dachzelte auf dem Allradfahrzeug – kein Nischenprodukt mehr, sondern ein eigenes Segment mit eigener Community und eigener Logik. Kompakte Camper ohne Anhänger verzeichneten 2025 ein Wachstum von 16 Prozent. Über 111.000 Wohnmobile und 81.000 Wohnwagen wechselten 2025 allein in Deutschland den Besitzer. Camping in Europa hat sich damit in wenigen Jahren von einer homogenen Urlaubsform zu einem ausdifferenzierten Markt entwickelt.

© Saas-Fee/Saastal Tourismus
Die Kehrseite des Booms
Camping gilt als die freieste Art zu reisen. Kein fixer Check-in, keine gebuchten Transferzeiten, morgens entscheiden wo man abends schläft. Das Versprechen stimmt – aber es gilt 2025 mit Einschränkungen. Wildcamping ist in den meisten europäischen Ländern verboten oder stark reguliert. Was das Jedermannsrecht in Ländern wie Schweden oder Finnland für einen Unterschied macht, ist dabei ein eigenes Kapitel. Die besten Plätze sind in der Hochsaison Monate im Voraus ausgebucht. Die Freiheit funktioniert noch – aber nur für die, die früh planen oder abseits der bekannten Routen unterwegs sind.
Und die Preise. Wohnmobilstellplätze waren 2025 fast ein Drittel teurer als noch 2020 – ein Anstieg von 32,2 Prozent. Campinggebühren generell stiegen im gleichen Zeitraum um 28,7 Prozent, schneller als die allgemeine Inflation. Das Versprechen des günstigen Campingurlaubs gilt noch – aber nicht mehr überall und nicht zu jeder Zeit. Wer flexibel ist, in der Nebensaison reist und abseits der Hotspots schaut, findet nach wie vor hervorragende Plätze zu vernünftigen Preisen. Wer im Juli an die kroatische Küste will und im Mai noch keinen Platz gebucht hat, wird das spüren.

Wo Camping in Europa boomt – und wo es noch Luft hat
Frankreich bleibt die unangefochtene Camping-Nation Europas. Über 8.500 Campingplätze, eine Infrastruktur die ihresgleichen sucht – von den gemeindebetriebenen Campings Municipaux im Landesinneren bis zu den Fünf-Sterne-Anlagen an der Atlantikküste. Wer schon mal durch die Vendée, die Ardèche oder die Côte d’Azur gefahren ist, wundert sich nicht: Camping ist dort tief in der Urlaubskultur verwurzelt, keine Notlösung, sondern erste Wahl.
Kroatien bleibt ein Magnet für Zelt- und Wohnmobilreisende, auch wenn die Preise an der Adriaküste stark angezogen haben. Wer entspannter reisen will, schaut in Richtung Montenegro – weniger Masse, mehr Landschaft, andere Preisklasse.
Die größten Wachstumsmärkte liegen im Osten. Albanien, Polen, Rumänien – Länder mit unberührter Natur, kaum überfüllten Plätzen und Preisen, die an alte Camping-Zeiten erinnern. Wer Entdeckergeist mitbringt, findet dort einige der interessantesten Campingerlebnisse Europas. Wer es näher und trotzdem überraschend will: Luxemburg zeigt, wie viel auf kleinstem Raum möglich ist.
Was das für die Saison 2026 bedeutet
Die Branche erwartet erneut Rekordnachfrage. Die Infrastruktur wächst, aber langsamer als die Nachfrage. Die Top-Plätze in den Top-Regionen werden früher ausgebucht sein als je zuvor. Wer 2026 Camping in Europa plant und auf die klassischen Hotspots setzt, muss früh buchen – oder bereit sein, Kompromisse zu machen. Wer beides nicht will, muss kreativer werden.


