Grönland: Zwischen Eisbergen und Granitwänden – Segel-Expedition im Scoresby Sound

Acht Tage, sieben Nächte und ein Fjordsystem, das als größtes der Welt gilt. North Sailing führt kleine Gruppen auf Expeditionsseglern in den Scoresby Sound in Ostgrönland. Eis, Wind und Seegang bestimmen den Kurs, deshalb bleibt die Route veränderlich. Wer an Bord geht, erlebt eine Reise, die eher Expedition als Kreuzfahrt ist: Landgänge per Zodiac, lange Stunden auf Deck und eine Landschaft aus treibendem Eis und steilen Felswänden.
Naturfotograf Stephan Thom war an Bord eines der Traditionssegler von »North Sailing« und ist mit beeindruckenden Fotos zurückgekommen. Wir haben in diesem Beitrag die wichtigsten Punkte des »Voyage Handbook« von North Sailing zusammengefasst. Die Bilder von Stephan geben einen Eindruck, was die Gäste erwartet. Infos zum Veranstalter und zum Handbook findet ihr am Ende des Artikels.


1. Der Weg nach Constable Point
Die Anreise läuft über Island. Der Flug nach Constable Point startet am Inlandsflughafen in Reykjavík, nicht in Keflavík. Die Flugzeit beträgt etwa zwei Stunden, als Flugzeug ist eine Dash8-Q200 genannt. Der Check-in soll spätestens 90 Minuten vor Abflug erfolgen. Pro Person ist ein Aufgabegepäckstück bis 15 Kilogramm vorgesehen, dazu fünf Kilogramm Handgepäck. Wer viel Kameraausrüstung mitführt, soll vorab Kontakt aufnehmen. Wegen des begrenzten Stauraums an Bord empfiehlt der Veranstalter weiche Taschen. Für den Transfer zwischen Keflavík und Reykjavík wird ein Shuttlebus genannt, ein Flybus fährt zwischen Keflavík und dem Terminal BSÍ. Gepäck lässt sich in Reykjavík lagern. Das Handbuch rät, mindestens einen Tag vor dem Abflug nach Grönland in Island zu sein, und nach der Rückkehr noch ein bis zwei Tage Reserve einzuplanen, falls es zu Verzögerungen kommt.

2. Vom Rollfeld aufs Schiff
Nach der Landung werden die Gäste von Crewmitgliedern empfangen. Gemeinsam geht es zu Fuß weiter, etwa 20 Minuten bis zu der Stelle, an der die Zodiacs bereitliegen. Das Gepäck wird auf einem Anhänger transportiert, niemand muss schwere Taschen tragen. Dann folgt der Transfer in den Schlauchbooten zum Schiff. In dieser Region gibt es keine Häfen, deshalb sind Zodiacs zentrales Verkehrsmittel, auch für Fahrten in schwer zugängliche Abschnitte. Rettungswesten sind Pflicht. Auf manchen Strecken wird zusätzlich ein isolierender Schwimmanzug ausgegeben, bei Bedarf. Die Crew versucht, die Anlandungen so trocken wie möglich zu halten, trotzdem kann beim Aussteigen Wasser an die Stiefel kommen. Gäste sollen stets den Anweisungen folgen und im Zodiac sitzen bleiben, solange es fährt.


3. Drei Schiffe, kleine Gruppen
Im Scoresby Sound operiert North Sailing mit Ópal, Hildur und Ocean Sherpa. Alle sind für arktische Fahrten ausgerüstet und führen Zodiacs für Landgänge. Ópal ist ein hybrid-elektrischer Holzschoner und das Flaggschiff. Er ist traditionell getakelt, trägt zehn Segel und nimmt zwölf Passagiere in sechs Kabinen auf. An Deck gibt es einen Whirlpool, im Salon einen Essbereich mit Kamin. Hildur wurde 2010 restauriert und zum zweimastigen Schoner umgebaut. Sie bietet Platz für neun Gäste in drei Kabinen. Ocean Sherpa wird als Expeditions-Toppsegelschoner mit dickem Stahlrumpf beschrieben, voll ausgerüstet für Eisoperationen. Sie hat sechs Zweipersonen-Kabinen mit eigenem Bad, jede mit zwei Kojen, Dusche und Waschbecken, und nimmt insgesamt zwölf Gäste auf.


4. Bordleben mit klaren Abläufen
Die Crew besteht aus Kapitän, Erstem Offizier, Koch und Guide. Nach dem Boarding gibt es ein Sicherheitsbriefing, eine Orientierung an Bord und eine Einführung in den Wochenablauf. Vollpension ist inklusive, Frühstück, Mittag- und Abendessen werden vom Koch zubereitet, Tee und Kaffee stehen bereit. Alkoholische Getränke können gekauft werden, der Stauraum dafür ist begrenzt. Steckdosen sind europäisch, je nach Gerät ist ein Adapter nötig. Bettwäsche und Handtücher werden gestellt. Das Handbuch weist darauf hin, dass Kabinen klein sein können und Sanitärbereiche je nach Schiff geteilt sind. Trinkwasser kommt aus reinen Gletscherflüssen, die Tanks werden aus Zuflüssen im Fjord gefüllt. Wasser ist jedoch begrenzt, bei niedrigen Vorräten kann die Crew darum bitten, nicht zu duschen. Mobilfunk ist vor allem in der Nähe von Constable Point und in Ittoqqortoormiit möglich, sonst bleibt die Reise meist offline. Für Fotos in Ittoqqortoormiit gilt: vorher um Erlaubnis bitten.


5. Route nach Bedingungen, nicht nach Fahrplan
Der Scoresby Sound ist ein geschütztes Fjordsystem, dennoch bleibt das Reisen polar. Die Route kann sich ändern, etwa durch Meereis, Wind, Seegang oder andere Naturkräfte. Auch behördliche Vorgaben oder Schutzgebiete können Einfluss nehmen. Gesegelt wird, wenn es Wind und Bedingungen erlauben, und Gäste dürfen sich auf Wunsch einbringen. Gleichzeitig wird häufig motorisiert gefahren, weil in der Nähe von Eisbergen vorsichtig navigiert werden muss und lange Distanzen zurückliegen. Das Handbuch erwähnt zudem den Piteraq, einen plötzlich einsetzenden Fallwind. Seekrankheit gilt im Fjordsystem als eher unwahrscheinlich, allerdings werden zu Beginn und am Ende exponiertere Passagen über offenes Wasser genannt. Wer empfindlich ist, soll eigene Medikamente oder Hilfsmittel mitbringen. An Deck kann es rutschig oder vereist sein, daher wird geraten, sich festzuhalten und bei schlechtem Wetter drinnen zu bleiben. Bei Landgängen befindet man sich in Eisbärgebiet, mindestens ein Crewmitglied trägt dann eine Schusswaffe, und die Gruppe bleibt in Sichtweite des Guides.

6. Eisberge als bewegliche Landmarken
Rund um Milne Land treiben große Eisberge, die nach dem Abbruch von inlandwärtigen Gletschern mit Strömungen durch arktische Gewässer driften. Das Handbuch spricht von „Eispalästen“ und meint damit Körper aus Eis, die wie Architektur wirken und zugleich ständig in Bewegung sind. Besonders markant ist Red Island am Eingang des Rødefjords, beschrieben mit rotem Sandstein an der Küste. In diesem Bereich liegen oft große Eisberge und Eisauflage. Eine Zodiacfahrt durch diese „Eisbergstadt“ wird als mögliches Highlight genannt. Auch der Kanal zwischen den Bear Islands und Milne Land wird hervorgehoben, wegen der Inselgruppen und der dort häufig besonders großen Eisberge. Wer nicht nur schauen will, findet ebenfalls Optionen. Jyttes Havn in den Bear Islands wird als geschützter Ankerplatz beschrieben, an dem ein Bad im Meer möglich ist. Im Sommer können die Temperaturen dort überraschend bei bis zu 13 Grad Celsius liegen.


7. Basalt, Granit und die Enge der Fjorde
Die Reise ist auch eine Exkursion in Geologie. Der Føhnfjord wird als schmaler Fjord beschrieben, mit Basaltbergen auf Gåseland auf der einen Seite und bis zu 2000 Meter hohen Granitwänden auf Milne Land auf der anderen. Der Øfjord gilt als einer der spektakulärsten Abschnitte. Hohe Gipfel und massive Granitwände steigen direkt aus dem Meer auf. Für das Segeln kann der Tagesrhythmus des Windes relevant sein: Im Øfjord wird eine mittägliche Seebrise erwähnt, die häufig das Setzen der Segel ermöglicht. Oft wird in diesem Abschnitt, wenn Wind und Seegang passen, tatsächlich gesegelt.


8. Tiere sehen! … Tiere sehen?
Arktische Tierbeobachtung gehört zu den Erwartungen, aber nicht zu den Zusagen. North Sailing schreibt, dass in jeder Saison auf Fahrten durch den Scoresby Sound Eisbären gesichtet wurden. Begegnungen mit Moschusochsen werden als häufig beschrieben, Robben seien ebenfalls oft zu sehen. Harefjord wird als Ort genannt, an dem Moschusochsen an südexponierten Hängen grasen. Von dort aus sind kürzere oder längere Wanderungen möglich, teils bis in Richtung Rypefjord. In den häufigen Fragen werden außerdem Schneehasen, Polarfüchse, Wölfe und Narwale erwähnt, wobei diese Arten als deutlich schwerer zu entdecken beschrieben werden. Gäste werden ermuntert, selbst Ausschau zu halten, je mehr Augen, desto besser die Chance. Vor Landgängen gibt es zusätzliche Briefings, auch dazu, wie man sich bei Begegnungen mit Eisbär oder Moschusochse verhalten soll.



9. Spuren von Menschen im Fjord
Zwischen Naturabschnitten liegen Orte, die menschliche Geschichte markieren. In Hekla Havn auf Denmark Ø ist der Besuch eines alten Inuit-Siedlungsplatzes möglich, ebenso eines Winterlagers der ersten wissenschaftlichen Expedition in den Scoresby Sound, das vor über hundert Jahren genutzt wurde. Solche Plätze gelten als empfindliche Archive. Artefakte sollen liegen bleiben, ebenso Felsen, deren Entnahme illegal ist. Auch Knochen und Schädel, die in der Kälte teils seit langer Zeit erhalten sind, sollen nicht mitgenommen werden. Zur Gegenwart gehört Ittoqqortoormiit. Das Handbuch beschreibt den Ort als nördlichste Siedlung an der Ostküste Grönlands, mit rund 320 Einwohnerinnen und Einwohnern. Dort leben auch etwa 250 Hunde. Hunde an der Leine sind ausgewachsene Schlittenhunde, keine Haustiere. Für Fotos von Menschen gilt: erst fragen. Kindern soll man keine Süßigkeiten, kein Geld und keine Geschenke geben. Wenn das Schiff tagsüber anlegt, kann ein kleiner Souvenirladen geöffnet sein, Bankkarten und Bargeld werden akzeptiert. Ein weiterer kleiner Shop befindet sich am Flughafen in Constable Point.


10. Wetter, Vorbereitung und Verantwortung
Das Handbuch nennt Temperaturen zwischen 0 und 12 Grad Celsius. Wind und Niederschlag werden oft als niedrig beschrieben, viele Tage seien trocken und ruhig, mit starker Sonne. Trotzdem bleibt das Wetter wechselhaft, mit möglichen Schauern, kräftigen Böen und sogar Schnee. Die Packliste setzt auf Schichten: Wollunterwäsche, wärmende Zwischenlagen, eine wasser- und winddichte Außenschicht sowie feste Wanderschuhe mit gutem Knöchelschutz. Genannt werden auch Mütze, Handschuhe und ein Halswärmer, dazu ein kleiner Rucksack, eine wiederverwendbare Trinkflasche und ein Notizbuch. Mückenschutz und ein Kopfnetz stehen ebenfalls auf der Liste, denn im Sommer können in Ostgrönland, besonders an Seen, Mücken auftreten. Das Unternehmen betont eine Umweltverantwortung, weil die Fahrten nahe einer der entlegensten Gemeinden der Erde stattfinden. Praktisch heißt das: Abfall geht wieder zurück an Bord, und man soll möglichst wenig Spuren hinterlassen. Wer Ende August unterwegs ist, hat laut Handbuch eine Chance auf Nordlichter, sobald es dunkel genug ist, abhängig von KP-Index und Bewölkung.





