Vision Milano – ein Gegenentwurf zum ursprünglichen Vanlife
Mailand ist Modestadt, ja – aber vor allem Designstadt. Während der Milano Design Week wird die ganze Stadt zur Bühne: alte Industriehallen, Garagen, Innenhöfe. Design ist hier kein Luxus, sondern Haltung. Funktional. Klar. Selbstbewusst. Diese Haltung spiegelt sich in der ganzen Stadt wieder.
Und genau hier begann die Geschichte des Vision Milano. Nicht in einer Werkstatt. Nicht auf einem Campingplatz. Sondern in der Frage, wie sich Raum anfühlen soll, wenn Design der Ausgangspunkt ist.
Andreas Stricker, Inhaber, Denker und Designer von Vagabond Vans, ist nach Mailand gereist, um den Puls der Designmetropole zu spüren und Inspiration zu sammeln. Nicht für Technik, nicht für Grundrisse. Sondern für Atmosphäre, Proportionen und Materialität – und für Räume, die Emotionen wecken.
Innenraum und Atmosphäre
Wir waren auf der CMT Stuttgart am Stand von Vagabond Vans. Das Gespräch mit Andreas fand nicht draußen am Messestand statt, sondern im Fahrzeug selbst. Eine bewusste Entscheidung, denn das Konzept des Vision Milano erschließt sich erst im Innenraum. Der Grundriss bricht mit gängigen Konventionen: Das Bad zieht sich seitlich bis ins Heck, und anstelle einer klassischen Sitzgruppe mit Tisch öffnet sich der Raum zu einem klar gestalteten Lounge-Sofa. Im parallel aufgestellten Hubdach von SCA entsteht ein großzügiger Schlafbereich, der eher an einen ruhigen Rückzugsort erinnert als an eine klassische Schlafebene.
Draußen herrschte Messebetrieb. Drinnen war es trotz geöffneter Schiebetür spürbar ruhiger. Nicht still, aber abgeschirmt. Die Materialwahl absorbiert Geräusche, das Licht verteilt sich gleichmäßig, Reflexionen bleiben aus. Man sitzt nicht in einem typischen Campervan, sondern in einem bewusst komponierten Raum.
Der Vision Milano fühlt sich weniger wie ein Fahrzeug, mehr wie ein mobiles Interior an. Die Sitzflächen sind fest gepolstert und klar konturiert – näher an Designermöbeln als an klassischer Fahrzeugeinrichtung. Die Stoffe wirken langlebig, zurückhaltend, hochwertig. Die Holzoberflächen sind matt, zeigen Struktur statt Glanz.
Die Küche ist vorhanden, aber reduziert gedacht. Eine massive Neolith-Steinfliese bildet die Arbeitsfläche. Darunter liegt ein unsichtbares Induktionsfeld, das nur durch dezent eingravierte Marker auf der Oberfläche angedeutet wird. Technik tritt in den Hintergrund, Gestaltung bleibt im Vordergrund.
Ein großformatiger Spiegel im Heck öffnet den Raum zusätzlich. Die Schränke sind dezent integriert und funktional durchdacht. Sie bieten nicht nur Stauraum, sondern neue Ordnung: unter anderem mit Kleiderstange und separaten Schuhfächern.
Material, Handwerk und Prozess
Viele der verwendeten Materialien stammen aus Italien. Andreas spricht dabei weniger über Herkunft als Qualitätsmerkmal, sondern über Oberfläche, Haptik und Alterung. Schon das Schieben einer Espressotasse über die Neolith-Fliese erinnert an ein mailändisches Straßencafé. Entscheidend ist für ihn, dass Materialien nicht sofort Abnutzung zeigen, sondern mit der Zeit an Charakter gewinnen.
Sein Hintergrund als Sattlermeister prägt den Ausbau deutlich. Er spricht über Übergänge, Kanten und Nähte – und darüber, wie Materialien im Zusammenspiel wirken. Weniger über Funktionen, mehr über Verarbeitung, Proportionen und das Gefühl, das ein Raum vermittelt.
Bei Vagabond Vans entsteht jedes Fahrzeug im Austausch mit den Menschen, die es später nutzen. Den Begriff „Auftraggeber“ vermeidet Andreas bewusst. Ihm geht es darum zu verstehen, wie ein Raum gelebt wird und welche Anforderungen er erfüllen soll. So ist jedes Projekt eine gemeinsame Reise mit seinen Kunden. Der Vision Milano ist dabei kein Modell zur Reproduktion, sondern ein Konzept – ein Statement dafür, wie dieser Ansatz aussehen kann.
Ein bewusster Bruch
Im Vergleich zum klassischen Vanlife setzt der Vision Milano andere Schwerpunkte. Er ist nicht auf maximale Flexibilität ausgelegt, nicht auf Autarkie oder Stauraum. Stattdessen konzentriert er sich auf wenige, klar definierte Nutzungen und einen hohen gestalterischen Anspruch.
Der Vision Milano will kein Alleskönner sein. Er zeigt eine Alternative – nicht als Gegenpol im Sinne von besser oder schlechter, sondern als bewusste Entscheidung für einen anderen Fokus.
Bilder: © Vagabond Vans